So. 26. November 2023 um 13:11

Review: Hogwarts Legacy für Nintendo Switch

von Yves Jeanrenaud 0 Kommentare
Lesedauer: 10 Minuten

Das Action-Adventure Hogwarts Legacy ist wohl für viele der meistersehnteste Titel des Jahres gewesen. Manche haben nur deswegen eine NetGen-Konsole angeschafft. Als dann Portkey Games und Warner Brothers bekannt gaben, dass auch eine Umsetzung für die vergleichsweise schwachbrüstige Nintendo Switch kommt, war die Begeisterung gross. Gleichzeitig wurden aber auch viele Bedenken laut, was die Portierung an geht. Kann das Spiel dem Anspruch gerecht werden, auf einer Hardware von 2017? Wir haben uns das Spiel genau angesehen.

Worum geht es in Hogwarts Legacy?

Die Geschichte ist schnell umrissen: Ihr kommt verspätet an die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei im fünften Schuljahr. Eine Ausnahme, aber, wie sich im Verlauf de Geschichte entwirren wird, nicht ganz so selten, wie man zunächst glauben mag. Die Person, die ihr in dem Action-Abenteuer des Harry Potter-Universums spielt, ist also etwa 15 oder 16 Jahre alt und ihr könnt, in bekannter RPG-Manier zu Beginn des Spiels das Aussehen und die Eigenschaften eurer Figur selbst bestimmen. Und, als wolle man die grosse Kontroverse um J. K. Rowlings wiederholten transfeindlichen Äusserungen entkräften, ist das Geschlecht unabhängig vom gewählten Erscheinungsbild. Ihr wählt Körpermerkmale, die Stimme auf Basis zweier Grundeinstellungen und könnt dann die Tonhöhe zwischen fünf Stufen variieren, benennt den Charakter und bestimmt den Schlafsaal: Hexe oder Zauberer. Daran misst sich, wie andere eure Figur ansprechen und in welchen Schlafsaal ihr gehen dürft im Haus eurer Wahl. Denn der Sprechende Hut richtet sich auch nach euren Wünschen, wenn ihr wollt.

 

So gesehen kann man auch so mit den Boykottaufrufen und der Distanzierung Warner Brothers’ von der Schöpferin der Wizarding World auch umgehen, und etwa gezielt einen Charakter mit Hexen-Attributen im Zauberer-Schlafsaal spielen. Ob und wie man Werk und Autorin voneinander trennen muss und kann, wurde an anderer Stelle lang und breit, seltener aber auch mit der nötigen Tiefe, diskutiert. Dass hier auf PocketPC.ch kein Platz für Hass und Hetze ist aller Couleur, ist seit jeher klar.

 

Nun schauen wir uns das Spiel nun als Potterhead, als leidenschaftlicher Fan der Welt rund um Harry Potter, an. Denn in Hogwarts Legacy, dass im 19. Jahrhundert, also deutlich vor Harry Potter an der magischen Schule spielt, gibt es viel zu erkunden und tonnenweise detailgetreue Nachbauten aus den Filmen von Warner Brothers zu bestaunen und den Kampf gegen fiese Kobolde aufzunehmen, die wohl versuchen, die Weltherrschaft zu erlangen. Auch dies kennen wir als Anspielungen aus Harrys Schulzeit und der Geschichte der Zauberei wieder, als der Junge, der Überlebte, über Koboldrebellionen des 18. Jahrhunderts büffelt. Das alles neben den vielen hunderten Aufgaben, Neben-Quests und Items, die es, natürlich stilecht mittels Accio-Zauber, einzusammeln gilt, und bei dem wir herauszufinden versuchen, was es mit der Alten Magie auf sich hat.


Hogwarts Legacy für Nintendo Switch
Das Schloss Hogwarts im Nebel. Screenshot: PocketPC.ch / Jeanrenaud

Testeindruck

Hogwarts Legacy will vor allem durch die Detailtreue der Schauplätze aus den Harry Potter-Filmen und der Fantastische Tierwesen-Reihe von Warner Brothers brillieren. Wer die Filme geliebt hat und die Bücher kennt, findet sich schnell wieder, von der Winkelgasse und Gringotts Zaubererbank bis zu vielen anderen Orten rund um die Wizarding World. Auch die Charaktere, denen wir im Spiel begegnen, von der stellvertretenden Schulleiterin Prof. Weasley angefangen und vielen mehr, lassen schnell ein heimeliges Ach-Ja-Gefühl aufkommen.

Graphik und Sound

Die Graphik des Action-RPG ist für die Nintendo Switch in Ordnung. Nicht herausragend, nein, und eigentlich auch nicht des Jahres 2023 würdig. Wer beispielsweise The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom zockt, weiss, wie viel die gealterte Hybrid-Konsole wirklich leisten kann an Optik. Da hängt Hogwarts Legacy etwas hinterher. Framedrops, also eine verminderte Bildwiederholungsrate, die sich meist in ruckelnden oder stockenden Abläufen bemerkbar macht, sieht man in HL indes dennoch nur sehr selten. Leider vermehrt im Docking-Modus, da dort die Auflösung höher ist, als wenn man mit der Nintendo Switch mobil Hogwarts erkundet.

Und klar ist auch: Hogwarts Legacy sieht auf der Nintendo Switch bei weitem nicht so beeindruckend aus, wie auf der Microsoft Xbox Series X|S oder der Sony PlayStation 5. Also schaut euch bloss keine Vergleichs-Videos an!

 

 

Der Sound jedoch ist über die Massen toll gestaltet. Alle, wirklich alle Figuren haben lokalisierte Stimmausgaben, von den Rüstungen und Geistern bis hin zu allen NPCs im Spiel. Dazu wird ein knapp 1.3 GiB grosses DLC für jede Sprache ausser Englisch aus dem Nintendo eStore heruntergeladen, nachdem man den Prolog durchgespielt hat und endlich Hogwarts betritt. Die ersten Minuten indes sind auch direkt auf Deutsch und ohne Download spielbar. An späteren Stellen kommen weitere Downloads hinzu. Zudem ist gleich nach Veröffentlichung ein Update herausgekommen, so dass wir etwa 8 GiB Speicherplatz auf der Nintendo Switch benötige, wenn wir die Karten-Version zocken. Die rein digitale Download-Version schlägt mit knapp 14.3 GiB Speicherbedarf zu Buche.

 

Alle Stimmen, Effekte und Sounds klingen auch immer gut und verständlich, nachvollziehbar und sehr passend. Ob man einen Zauber wirkt oder eine Rüstung anrempelt, eine Tür aufstösst oder über den Steinfussboden in der Grossen Halle rennt, alles klingt toll und realistisch. Die Musik ist zudem auch wahnsinnig stimmungsvoll gewählt und passt immer nahezu perfekt in die Szenerie. Das bekannte Harry-Potter-Thema klingt, wohl dosiert, auch immer mal wieder an und verstärkt so den Eindruck, sich in der Wizarding World zu bewegen.

Screenshots: PocketPC.ch / Jeanrenaud

 

Neben Ausrüstungsgegenständen, die wirklich einen Unterschied machen, Reittiere oder Umhänge die Verteidigungs- oder Angriffszahlen verbessern, gibt es auch viel kosmetische Items. Die sieht man dann aber auch in jeder Szene, auch in jeder Cutscene, wieder. Und was richtig cool ist: Wen man deren Aussehen nicht mag, kann man dies einfach anpassen. Wozu ist man denn Hexe oder Zauberer? So kann man mit tollen Drachenhaut-Umgang durch die Gegen rennen, und dennoch aussehen, als würde man eine herkömmliche Schuluniform tragen. Cool!

Steuerung

Die Steuerung in Hogwarts Legacy auf der Nintendo Switch ist nur bedingt anpassbar, was vor allem auf die Zugänglichkeit ausgerichtet ist. Hier kann unter Anderem der Zielmodus vereinfacht, die Tot-Zone der Joycon-Analog-Sticks und die Empfindlichkeit verändert werden. Überhaupt sind die Zugänglichkeits-Optionen ungewöhnlich vielfältig. Es lassen sich beispielsweise auch Audio-Hinweise visualisieren, der Textkontrast erhöhen und mehr.

 

Ansonsten wird im Spiel immer angezeigt, welche Taste für was benötigt wird und in der Standardeinstellung steuern wir mit dem linken Stick die Bewegungsrichtung, während der rechte Analog-Joystick die Kamera bewegt. Soweit, so herkömmlich. So oder so ist man schnell in der recht intuitiven Steuerung drin und alles geht sehr leicht von der Hand.

Gameplay

Das Gameplay ist abwechslungsreich im Sinne der Story und Nebenaufgaben, aber am Ende geht es doch fast immer darum, von einem Ort zum anderen zu rennen und ein Ding zu finden, das irgendjemand dringend braucht, aber nicht selbst holen kann oder will. Wir suchen Koboldsteine, die andere einer Schülerin aus unserem Haus abgenommen und an hohen Orten in Hogwarts versteckt haben (also Accio!), schleichen in die Verbotene Abteilung der Bibliothek oder erkunden bislang unbekannte Räume und Gänge unter dem Schloss und darum herum. Auch Hogsmeade und weitere Orte auf der Welt können im Verlauf der Geschichte bereist werden. Dazu lernen wir immer mehr Zauber und den Einsatz unterschiedlicher Items, die meist mit kleinen Suchen-und-Aufdecken-Quests (Revelio!) gepaart werden. Um die neuen Zauber zu lernen, muss man dann immer in einem kleinen Minigame einen Pfad nachzeichnen, ganz so, als würde man die Bewegung mit dem Zauberstab üben. Toll gelöst! Aber eigentlich ist man ständig am Sammeln. Die Rätsel gleichen sich sehr, sind jedoch für Fans durchaus interessant genug gehalten. Wer nichts aus der Wizarding World und Hogwarts kennt, findet das aber wohl schnell etwas langweilig.

 

Dazwischen sind spannende Kämpfe und Duelle, die geschickt in die Geschichte eingebunden werden. Die laufen zwar immer recht ähnlich ab, denn man sucht die Schwachstelle der Protego-Zauber der Gegner:innen anhand der Farbe derer Schutzschilde, setzt sie ausser Gefecht – mit Leviosa beispielsweise – und greift selbst an, bis der Balken leer ist. Soweit ist alles nicht gerade innovativ, aber toll gelöst und macht richtig Spass.

 

Was indes richtig nerven kann, sind die Ladebildschirme. Denn die Nintendo Switch kommt mit ihren 4 GB RAM schnell an ihre Grenzen und so wird immer wieder kurz das Spielgeschehen unterbrochen. Im Schloss Hogwarts und den Ländereien darum herum macht das noch nicht viel aus, denn da steht man meist nur eine Sekunde vor einer Tür, bis der Bereich dahinter geladen ist. Das ist kam zu merken. In Hogsmeade jedoch, dem einzigen Dorf Grossbritanniens, das nur von Zauberern und Hexen bewohnt wird, ist es schon arg zum Verzweifeln. Denn jeder Laden, den man betritt oder verlässt verursacht einen Ladebildschirm von etwa zehn bis zwölf Sekunden. So macht das Handeln von Ausrüstungsgegenständen, Kleidung oder Zauber-Rezepten keine Freude. Ich überlege mir beispielsweise gut, ob ich per Flohflammen (ähnlich dem Flohpulver-Netz aus den Harry-Potter-Romanen) eine Schnellreise unternehme, die auch einen langen Ladebildschirm provoziert, oder doch lieber selber hinrenne. Und auch die Ladenlokale in Hogsmeade besuche ich nur, wenn ich wirklich muss. Das ist sehr schade an dieser Stelle.

Preis und Fazit

Hogwarts Legacy kostet für die Nintendo Switch 59,99 Euro bzw. 64.90 SFr. in der Standard-Edition im Nintendo eStore und als physische Edition. In der Deluxe-Variante kommt HL für 73.90 SFr. oder 69,99 Euro auf die Nintendo Switch und bringt euch Zugang zur Kampfarena der dunklen Künste, einen Thestral als Reittier, sowie ein Kosmetikset und eine Feldmütze der dunklen Künste. Ihr seht also deutlich gruseliger aus im Spiel. Ob sich das lohnt? Wer das Spiel vor Veröffentlichungsdatum am 14. November 2023 vorbestellt hatte, bekam zudem einen Onys-Hippogreif als Reittier dazu. Beide Editionen, Standard und Deluxe, gibt es nicht nur digital, sondern auch als Spielekarten physisch zu kaufen, wobei die Addons und zusätzlichen Ausrüstungsgegenstände sowie Inhalte natürlich dann in Form von Download-Content als Code in der Box dazu gelegt werden.

 

 

Zudem gibt es für 59,99 Euro eine Amazon Exklusive Edition von Hogwarts Legacy, die der Standard-Edition entspricht, aber einen Astronomie-Hut als kosmetischer Ausrüstungsgegenstand enthält.

 

Das Action-Adventure aus der Wizarding World ist zudem auch für die Sony PlayStation 4 und PS5, die Microsoft Xbox Series X und Xbox One sowie für PC via Steam erhältlich.

 

 

Für Xbox Series X und PlayStation 5 gibt es ausserdem eine Collectors Edition mit einem Zauberstab der Alten Magie, der über einem Buch schwebt. Das ist aber kein In-Game-Item und entsprechend kostet die Collectors Edition dann 299,99 Euro bzw. SFr. Auf allen Plattformen und in allen Editionen ist das Spiel mit einer Altersfreigabe ab 12 Jahren Jahren nach USK und PEGI freigegeben.

 

Hogwarts Legacy
Preis: 59,99 €

 

Ist Hogwarts Legacy nun also etwas für echte Harry Potter-Fans? Auf jeden Fall, ja! Das perfekte Geschenk unter dem Weihnachtsbaum für alle ab 12? Ja! Ist es auch auf der Nintendo Switch gut umgesetzt? Jein. Die Ladeschirme können echt nerven und die graphischen Abstriche, die beim Portieren auf die hybride Konsole gemacht werden mussten, sind nicht nur im Vergleich sichtbar. Wer also eine andere Konsole oder einen Gaming-PC hat – oder das Steam Deck von Valve, sollte die Nintendo-Version meiden und die andere Platform bevorzugen. Darum kann ich an dieser Stelle auch Hogwarts Legacy für Nintendo Switch nicht allen Personen uneingeschränkt empfehlen. Gerade, wer sich nicht quasi mit Haut und Haaren der Wizarding World verschrieben hat und immer noch (heimlich) auf die Eule aus Hogwarts wartet, ärgert sich hier vielleicht zu sehr. Und irgendwo ist die Welt von Hogwarts Legacy auch zu verzettelt, um dicht zu wirken und geht es zu sehr ums Sammeln in viel zu ähnlichen Aufgaben. Manchmal hat man fast den Eindruck, Portkey wollte eigentlich ein Free2Play bauen, so viel gibt es zu Sammeln. Als Fan kann man das vielleicht noch tolerieren. Doch auch für Fans fehlen manche Hogwarts-Features, die das Gefühl noch intensiviert hätten. Etwa gibt es gar kein Hauspunkte-System, obwohl manche Charaktere solche ansprechen und es die Stundengläser in der Grossen Halle dafür auch gibt. Auch sind Sneak-Sequenzen im Schloss auf wenige Aufgaben begrenzt. Wenn man einfach so nachts durch Hogwarts schleicht, passiert gar nichts. Das ist schade.

Video: Nintendo / Portkey Games / Warner Brothers Games

 

Dennoch ist es ein tolles Spiel für Potterheads geworden, mit Abstrichen, aber toll.

Allen mit Nintendo Switch sei auf jeden Fall geraten: Schaut euch bloss keine Vergleichs-Videos an und geniesst das Spiel, Hogwarts Legacy lohnt sich! Auch als Single-Player Spiel, ohne Quidditch, umfasst das Abenteuer mindestens 26 Stunden Spielzeit in der Hauptstory. Mit allen Neben-Quests sind es gleich über 43 Stunden und wer alles vervollständigen möchte, kommt stolze 68 Stunden nicht vom Bildschirm weg. Und irgendwann hat vielleicht auf JKR ein Einsehen und entschuldigt sich.

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