Sa. 23. Januar 2021 um 11:25

Google Stadia im Test: Zocken ohne teure Hardware? – Nicht für alle, aber für viele

von Marcel Laser 0 Kommentare

Google Stadia will den Cloud-Gaming-Sektor umkrempeln und bringt einige sehr interessante Ideen mit. Vor allem der Controller macht das Erlebnis zu einem weitaus besseren Lauf, als man vielleicht ahnt. Dennoch kämpft der Dienst mit ein paar Schwächen, die für viele Gamerinnen und Gamer auch K.O.-Kriterien sein könnten. Wir haben Google Stadia im Test nun einige Zeit lang ausprobiert und kommen zu einem etwas gemischten Ergebnis.

 

Cloud-Gaming mit Stadia macht teure Hardware überflüssig

Ein teurer PC oder eine aktuelle Konsole sind für Google Stadia nicht nötig. Die Spiele werden auf den Servern von Google berechnet. Ihr seht lediglich das Bild auf eurem Fernseher, Smartphone oder Monitor. Daher benötigt es nur minimalen Aufwand in Form eines HDMI-Dongles für euren TV, der das Video von den Google-Servern abspielen kann. Am PC reicht sogar nur der Internet-Browser und auf dem Android-Smartphone die Stadia-App. Das Spiel wird nämlich nur als Video übertragen, da es sich hier um einen Spiele-Streaming-Dienst handelt

 

Ihr müsst also nicht erst teures Geld für Hardware ausgeben, allerdings benötigt ihr eine sehr schnelle Internetleitung, wenn ihr Spiele in hoher Auflösung so verzögerungsfrei wie möglich spielen wollt. Google selbst schlägt für Gaming in 1080p (FullHD) mindestens eine Leitung mit 10 Mbit/s vor. Für 4K-Games sollen es mindestens 35 Mbit/s sein, um die Datenmengen der Videos und Eingaben verarbeiten zu können.

 

Dabei kommt es nicht nur auf den reinen Durchsatz an, sondern auch auf den Ping und damit auch auf die “Reaktionszeit” eurer Internetleitung. Ist letzterer zu hoch, könnte es zu Problemen bei der Eingabe kommen. Schliesslich seht ihr lediglich das Video und alle Eingaben müssen erst zum Server gelangen und verarbeitet werden und erst danach seht ihr das Ergebnis eurer gedrückten Knöpfe im Video. Allerdings bedient sich Stadia hier einer sehr interessanten Technik.


Stadia-Controller: Innovative Lösung gegen störrischen Input-Lag

Der Google Stadia-Controller ist allerdings Googles ganz eigene Lösung um den schwierigen Latenzen im Cloud-Gaming beizukommen. Ihr könnt den Controller nämlich über das WLAN mit dem Dienst verbinden. Dann kommuniziert dieser direkt mit den Servern von Google Stadia, was die Kette für Eingaben deutlich verkürzt. Denn die Steuerung muss nicht erst auf einem weiteren Gerät verarbeitet werden. Ihr spielt also fast direkt auf den Servern von Google, was den Input-Lag deutlich reduziert. Damit hat Google einen innovativen Vorteil gegenüber anderen Cloud-Gaming-Diensten.

 

Der Controller selbst erinnert an eine Mischung aus Eingabegeräten von PlayStation und Xbox. Die Dual-Analog-Sticks haben eine Anordnung wie auf der PlayStation, die Form erinnert aber mehr an den Xbox- bzw. Nintendo Switch Pro-Controller. Wie die meisten Eingabegeräte der Konkurrenz, liegt der Stadia Controller auch sehr gut in der Hand und die Knöpfe sind im allgemeinen sehr gut zu erreichen. Das Button-Layout ist vertraut und Konsolen-Gamer finden sich sehr schnell zurecht.

 

Die Haptik hingegen ist ein wenig zweischneidig zu beurteilen. Die Knöpfe reagieren gut und weisen eine gute Verarbeitung auf, der Druckpunkt ist anfänglich allerdings gewöhnungsbedürftig. Er fühlt sich gar etwas billig an. Dieses macht sich vor allem am hohlen Geräusch beim Drücken der Tasten bemerkbar. Das ist für einen Controller, der über 70 Euro bzw. Schweizer Franken kostet, etwas fragwürdig. Zwar unterstützt Stadia auch die Nutzung von PS4-, PS5- und Xbox One-Controllern, allerdings verliert ihr dann den Vorteil der direkten Kommunikation mit dem Server.

Grafikqualität über Google Stadia

Meine Befürchtungen aus dem ersten Kurztest haben sich bestätigt. Um die Datenmengen des Dienstes einigermassen auf dem Boden zu halten, werden Spiele meist in mittleren Details im Vergleich zu Konsolen- oder PC-Versionen gestreamt. Die Einstellungen von Destiny 2 liegen in etwa auf mittlerer Grafikqualität. Das gilt auch für Assassins Creed Valhalla und andere Titel in der noch recht kleinen Spiele-Bibliothek.

 

Ihr solltet euch also von dem Gedanken der High-End-Grafik erst einmal noch verabschieden. Aber die Plattform ist aktuell auch weniger für die Core-Gamer mit absoluten Spitzensystemen gedacht. Die Holen sich die Spiele sowieso eher nur für das eigene System, um dieses ausreizen zu können. Stadia verfolgt hier eine etwas andere Strategie und lässt euch maximal die Wahl zwischen einem Qualitäts-Modus mit hoher Auflösung oder eben einem Performance-Modus. Doch auch diese Praktik unterstützt nicht jedes Spiel auf Stadia und zudem braucht ihr ein Pro-Abo, sofern ihr auf solche Einstellungen Wert legt.

 

In keinem Spiel werden euch Schalter und Regler begegnen, die euch die volle Kontrolle über die Grafikeinstellungen, beispielsweise wie beim PC lassen. Hier ist Stadia eher mit den Konsolen verwandt. Ihr bekommt also nur das, was ihr auch tatsächlich seht. Ob das der Portierung auf die Vulkan-Grafikschnittstelle geschuldet ist, ist natürlich reine Spekulation. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass Google hier gewisse Dinge vorgibt, die die Games erfüllen müssen, damit diese in Stadia aufgenommen werden. Um eine gleichbleibende Qualität für alle Spielerinnen und Spieler zu liefern ist dieses wohl auch der sicherere Weg.

Destiny 2 läuft im Vergleich mit dem PC in etwa auf mittleren Grafikdetails. Dafür bekommt ihr aber stabile 60 Bilder pro Sekunde. Die Grafikqualität selbst beeinflussen, könnt ihr aber nicht.

Google Stadia: Diese Internetleitungen braucht ihr

Zwar gibt Google an, dass ihr mindesten mit einer Internetleitung von 15 Mbit/s ausgestattet sein solltet, um die minimalen Anforderungen zu erreichen, wir empfehlen diese aber nicht. Ihr solltet lieber mindestens 30 oder 35 Mbit/s in der Hinterhand haben, damit das Spielvergnügen nicht all zu schnell ins Stocken kommt. Teilt ihr euch die Leitung noch mit anderen Mitgliedern im Haus, könnte es sehr schnell sehr knapp werden.

 

35 Mbit wird laut Google für 4K-Gaming verlangt, doch hier solltet ihr besser 50 Mbit an der Dose anliegen haben, um auch wirklich auf der sicheren Seite zu sein. Stadia ist tatsächlich etwas bockig, wenn es um das Game-Streaming geht und es empfiehlt sich eine ausreichend schnelle Leitung zu haben, am besten deutlich über den von Google gestellten Empfehlungen. Das verhindert unter anderem auch Lags beim Spielen, wenn noch andere Personen ebenfalls auf das Internet in eurem Haus angewiesen sind.

 

Getestet haben wir aber auch mit niedrigeren Geschwindigkeiten. In einem Haushalt mit 16 Mbit/s, die auch tatsächlich fast so anliegen, ist das latenzfreie Zocken auf Google Stadia im Test nahezu unmöglich. Nur wenn die Leitung komplett frei ist, war es auch mal möglich ein wenig länger ungestört zu spielen. Unsere Empfehlung für ein wirklich gutes Stadia-Erlebnis wären somit deutlich über 25 Mbit/s und mehr.

Google Stadia Verbindung Tipps
Google Stadia gibt euch Tipps bei Verbindungsproblemen. Auch wir empfehlen eine Kabelverbindung zum Streaming-Gerät. (Bild: PocketPC)

Google Stadia: Preise und Abos im Überblick

Google zieht mit seinem Stadia-Streaming-Dienst eine etwas verwirrende Grenze zwischen kostenlos, einem Abo-Modell und dem zusätzlichen Kauf von Spielen. Hier ist es für Laien erst einmal schwer den Überblick zu behalten. Wir wollen an dieser Stelle im Test ein wenig für Aufklärung sorgen.

 

Auf der einen Seite habt ihr nämlich die Möglichkeit Google Stadia völlig kostenlos zu nutzen. Allerdings ist die Bibliothek dann stark begrenzt. Immerhin könnt ihr Destiny 2 so komplett gratis spielen. Wenn euch an dieser Stelle der starke PC fehlt, wäre dieses zumindest eine Option. Nebenbei habt ihr die Möglichkeit Spiele noch zusätzlich hinzuzukaufen und diese dann über das kostenlose Abo zu nutzen. 4K-Gaming, HDR und 5.1-Sound gibt es aber nicht.

  • Google Stadia Grundpreis: kostenlos in allen Ländern
  • Google Stadia Pro-Abo: 9,99 Euro oder 11 Schweizer Franken im Monat
  • Google Stadia Controller: 69 Euro
  • Google Stadia Premier Edition: 99 Euro oder 119,99 Schweizer Franken

Das Stadia Pro Abonnement kostet hingegen in Deutschland 9,99 Euro und 11 Schweizer Franken in der Schweiz. Beide Preise sind monatliche Kosten und schalten die volle Leistungsfähigkeit der Plattform frei. So könnt ihr viele Spiele in 4K-Auflösung und 3D-Sound spielen. Zudem stehen euch Rabatte auf ausgewählte Titel zur Verfügung, für die ihr sonst den Vollpreis in der kostenlosen Version zahlen müsstet. Ja, ihr habt richtig gelesen: Ihr zahlt einen monatlichen Preis, müsst die Spiele aber dennoch kaufen.

 

Wer sich allerdings ein Pro-Abo für Stadia holt, wird monatlich mit vielen kostenlosen PC-Spielen versorgt. Aktuell sind im Januar 2021 knapp über 30 Spiele gratis. Ihr könnt diese sehr einfach zu euer Bibliothek hinzufügen und sie auch weiterhin kostenlos spielen, wenn diese aus der Liste wieder verschwinden. In Anbetracht der knapp über 100 verfügbaren Games ist das fast ein Drittel des gesamten Spiele-Katalogs der Plattform.

Google Stadia Pro Kosten
Das Google Stadia Pro schenkt euch viele kostenlose Spiele, doch müsst ihr neue Games immer noch bezahlen, auch zu den monatlichen Kosten. (Bild: PocketPC)

Cyberpunk 2077 auf Google Stadia: Besser als auf Xbox One und PS4

Da wir Cyberpunk 2077 weiter oben schon erwähnten und aufgrund des eigentlich schon völlig übertriebenen Hypes an dem Titel nicht vorbeikommen, haben wir dem Spiel eine besondere Aufmerksamkeit im Test geschenkt. Zumal ihr euch ein Stadia-Paket im Google Store sichern können, wo Cyberpunk 2077 gratis beiliegt! Wie spielt sich Cyberpunk 2077 auf Google Stadia? Wir haben es ausprobiert.

 

Grafisch ist Cyberpunk 2077 für Google Stadia auf dem Niveau der aktuellen Next-Gen-Konsolen von PS5 und Xbox Series X. Man muss hier allerdings beachten, dass die PS5 und auch die neue Xbox aktuell nur auf eine Version des Spiels Zugriff haben, die für die Vorgänger-Konsolen entwickelt wurde. Ein Next-Gen-Update soll es aber noch im ersten Quartal 2021 geben. Dann dürften die neuen Konsolen die Stadia-Version durchaus überholen.

 

Die Stadia-Version von Cyberpunk 2077 kann in zwei Arten gespielt werden. Der Qualitäts-Modus erhöht die Auflösung auf 4K und schafft sehr stabile 30 Bilder pro Sekunde. Der Performance Modus reduziert die Grafik leicht, setzt die Auflösung auf 1080p und versucht rund 60 Bilder pro Sekunde als Ziel zu erreichen. Letzteres klappt aber nur eingeschränkt. Interessant ist allerdings, dass Cyberpunk 2077 auf Stadia nahezu Absturzfrei läuft und damit um Welten besser, als auf den PS4- und Xbox One-Konsolen.

 

Allerdings wirkt das Bild auf Stadia immer etwas leicht verschwommen und unscharf, was vor allem im Performance-Modus stärker auffällt, da hier die Auflösung schon etwas geringer ist. Das liegt vor allem auch daran, dass ihr hier immer auf ein komprimiertes Video schaut. Die Grafikqualität im Detail beeinflussen könnt ihr hingegen nicht, das gilt aber auch für den Rest der Spiele auf der Plattform.

Google Stadia Cyberpunk 2077
Cyberpunk 2077 läuft auf Google Stadia um Welten besser, als auf Xbox One und PS4.

Fazit: Ist Google Stadia die Zukunft? Noch nicht, aber eine interessante Alternative

Aktuell gibt es unzählige Gaming-Dienste im Netz, die mit unterschiedlichsten Techniken und Konzepten versuchen Spielerinnen und Spieler an die Bildschirme zu locken. Als reiner Cloud-Gaming-Dienst ist Stadia nicht auf zusätzliche Hardware angewiesen. Ein kompatibles Smartphone, ein Chromecast oder auch nur der eigene 350 Euro/SFr Laptop reichen völlig aus. Ein Google-Konto wird ein Grossteil der Menschen durch YouTube oder Android wohl schon besitzen.

 

Schwierig wird es beim Thema Internet, denn wir empfehlen in einem normalen Haushalt mindestens eine 25-Mbit-Leitung (besser deutlich mehr), auch wenn Google hier wesentlich weniger angibt. Grund dafür ist, dass in den meisten Haushalten auch mehrere Personen wohnen und ihr durchaus Luft nach oben braucht, um einigermassen unterbrechungs- und latenzfrei spielen zu können. Grafisch werdet ihr zudem das Niveau aktueller Hardware, wie für die PS5 oder Xbox Series X sowie starker Gaming-PCs, mit Stadia nicht erreichen.

 

Doch für alle anderen, die weder eine aktuelle Konsole haben, noch einen Gaming-PC besitzen, können mit Stadia durchaus ihre Freude haben. Zwar ist der Spielekatalog noch mit knapp über 100 Games noch sehr sparsam bestückt, doch das sollte sich nach und nach ändern. Zudem werden auch aktuelle Spiele wie Cyberpunk 2077 und Assassin’s Creed Valhalla in den Katalog aufgenommen und waren vom Start weg verfügbar.

 

Ihr solltet Stadia aber weniger als Ergänzung betrachten, denn entweder belasst ihr es bei einem kostenlosen Abo und zahlt Vollpreis für alle Spiele in verminderter Qualität oder ihr schliesst gleich ein Stadia-Pro-Abonemment ab, müsst aber dennoch für aktuelle Spiele etwas zahlen. Ich persönlich sehe Stadia daher eher als Alternative für Menschen, die aktuell nur wenig Möglichkeiten haben, neue Spiele auf aktueller Hardware zu geniessen und hier macht der Dienst einfach vieles richtig. Auch Casual-Gamer, die dennoch auf aktuelle Titel nicht verzichten wollen, kommen hier durchaus auf ihre Kosten.

Das könnte Sie auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Insert math as
Block
Inline
Additional settings
Formula color
Text color
#333333
Type math using LaTeX
Preview
\({}\)
Nothing to preview
Insert
Teilen