Sa. 20. September 2014 um 10:51

Kreyos Meteor: Die Gefahren des Crowdfundings

von Robert Beltle3 Kommentare

Wearable Devices, also tragbare Geräte, sind derzeit der grosse Trend in der Elektronikbranche. Vor allem Smartwatches erscheinen derzeit in grosser Zahl, gerade erst hat sich auch Apple in die Riege der Anbieter eingereiht. Begonnen hat der Hype um die intelligenten Uhren mit dem überaus erfolgreichen Crowdfundingprojekt Pebble. Die Pebble Smartwatch war die erste überzeugende Smartwatch und konnte über 10 Millionen Dollar einsammeln statt der vorgesehenen 100.000 Dollar. Der grosse Erfolg der Uhr motivierte Unternehmen wie Samsung oder Sony, ebenfalls mit eigenen Uhren auf den Markt zu kommen und somit war eine neue Geräteklasse geboren. Doch nicht nur Milliarden schwere Konzerne versuchten sich durchzusetzen, es gab auch eine regelrechte Flut an weiteren Crowdfunding Projekten, um Smartwatches zu entwickeln, viele davon scheiterten schon früh.

 

Ein sehr vielversprechendes Projekt war 2013 die Meteor des US Unternehmens Kreyos, welche immerhin 1,5 Millionen Dollar einsammeln konnte. Sie wurde, noch bevor Samsung in diese Richtung ging, als Fitnessuhr positioniert und sollte die Konkurrenz durch 6-Achsen Bewegungssteuerung, eine Freisprechfunktion (damals ebenfalls eine Neuerung) und die Unterstützung von ANT+ für die Verbindung mit Sensoren, beispielsweise zur Herzfrequenz- oder Geschwindigkeitsmessung, ausstechen. Für einige Interessenten kam noch ein sehr wichtiger Vorteil dazu: Kreyos versprach nämlich die Unterstützung von Windows Phone 8, auch heute noch eine Seltenheit. Zwar waren im Gegensatz zur Galaxy Gear weder Touchscreen noch Farbdisplay eingebaut, aber eine Akkulaufzeit von sieben Tagen und ein Preis, der deutlich unter Samsungs Modell lag, waren dann für viele doch Grund genug das Projekt zu unterstützen.

 

Angekündigt war die Auslieferung der ersten Uhren pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2013, doch im Herbst kam es zu ersten Verschiebungen. Probleme mit den verbauten Lautsprechern sollten zu einem Echo führen, wenn man die Uhr als Freisprecheinrichtung nutzt. Viele brachten ihren Unmut darüber auf Facebook zum Ausdruck und es kam schon früh zu wüsten Beschimpfungen der Entwickler. Es folgten noch weitere Verzögerungen, die immer mehr Unterstützerinnen und Unterstützer der Kampagne, aber auch Leute, die die Uhr im Webshop des Herstellers vorbestellt hatten, zum Rücktritt vom Kauf veranlassten. Aber es gab auch Hoffnung für die, die ihre Uhr dennoch haben wollten. Auf der CES 2014 in Las Vegas war Kreyos mit einem Stand vertreten und es gab endlich ein funktionierendes Modell zu sehen. Die Freude war aber nur von kurzer Dauer, da die nächsten Verzögerungen und Ausreden folgten. Überschwemmungen sollen die Produktion lahmgelegt haben. Aber endlich wurde auch die Auslieferung der ersten 5000 Uhren angekündigt und eine Liste mit den Namen der Glücklichen veröffentlicht, die in dieser ersten Lieferung berücksichtigt wurden. Der Versand per Schiff vom Werk in China in die USA und die anschliessend von dort startende Auslieferung sollte allerdings einen Monat in Anspruch nehmen. Inzwischen war die Auslieferung bereits um über ein halbes Jahr verzögert und neue Smartwatches anderer Hersteller liessen die Meteor verblassen. Doch Kreyos bemühte sich um Verbesserungen und konnte einen neuen Logistikpartner in Singapur auftreiben, um damit den Versand zu beschleunigen. Die nächste Charge sollte damit noch vor der ersten bei der Kundschaft ankommen.

 

Während schon die Verzögerungen bei den Auslieferungen immer mehr Ärger hervorrief und zu einer steigenden Zahl von Kaufrücktritten führte, beschwerten sich andere darüber, dass weder die benötigten Apps noch das SDK für die Programmierung eigener Uhrenapps veröffentlicht wurden. Kreyos vermittelte zu diesem Zeitpunkt den Eindruck, dass das Unternehmen für die Entwicklung selbst verantwortlich ist und lediglich die Fertigung in China in Auftrag gegeben hatte. Dies sollte sich später als totale Fehlannahme herausstellen.

 

In der Zwischenzeit tauchten Gerüchte auf, der Kreyos Gründer habe sich mit dem eingenommenen Geld aus dem Staub gemacht. Fotos, die ihn vor einem Ferrari und mit Einkaufstüten aus Designerläden zeigten, sollten das belegen. Es soll sich dabei aber laut eigenen Angaben um einen Urlaub aus dem Jahre 2010 gehandelt haben, also noch vor Beginn des Meteor Projekts. Den Ferrari und auch die Designermode sollen dabei Freunde gekauft haben.

 

Als endlich die ersten Leute ihre Uhren erhielten, mehrten sich die Beschwerden darüber, dass statt der breiten Männerarmbänder vielfach die schmalere Version für Damen geliefert wurde. Doch immerhin war die Auslieferung jetzt im Gange und endlich gab es auch Apps für Android und iOS. Doch die Windows Phone Gemeinde, die vielfach mangels Alternative zu Meteor gegriffen hatte, sassen auch weiterhin auf dem Trockenen – und tut es bis heute. Ein Video der App wurde zwar veröffentlicht, aber im Store ist sie nicht erhältlich.

 

Mit Beginn der Auslieferung dachten wohl die meisten, die Probleme seien gelöst und sie würden in Kürze das von Kreyos immer wieder versprochene Produkt mit sehr hohen Qualitätsansprüchen erhalten. Doch weit gefehlt. Eine der wichtigsten angekündigten Eigenschaften der Meteor war ihre Wasserdichtheit, die sie wassersporttauglich sein lassen sollte. Doch wie sich herausstellte, können die ausgelieferten Geräte dieses Versprechen nicht halten. Kreyos kündigte an, bis Ende dieses Monats seine Tätigkeit komplett einzustellen – und das bevor alle Uhren ausgeliefert sind. Eine Bestellung neuer Uhren ist nicht mehr möglich. Da das Unternehmen pleite ist, wird man auch sein Geld nicht zurück erhalten, obwohl die Uhren kaum funktionieren.

 

In einem längeren Beitrag auf dem firmeneigenen Blog erklärt der Gründer von Kreyos jetzt, wie es so weit kommen konnte und erläutert detailliert wie die Entwicklung und Produktion der Meteor abliefen. Zwar betont er zu Beginn, dass er die Verantwortung für das Scheitern nicht von sich weisen möchte, aber der Beitrag konzentriert sich dennoch hauptsächlich darauf, zu erläutern, wie Kreyos von seinem chinesischen Partner hintergangen wurde. Es zeigt sich, dass die US Firma Kreyos lediglich aus Marketing Fachleuten besteht und keinerlei technisches Wissen vorweisen kann. Weder Software noch Hardwarekonzept kommen aus den USA, alles sollte in China entwickelt werden. Der chinesische Partner von Kreyos, Viewcooper, hatte dem Firmengründer angeboten, eine Smartwatch zu entwickeln und ihm diese exklusiv zu verkaufen. Kreyos, das zu dieser Zeit nicht mal den Firmennamen hatte, sollte sich lediglich darum kümmern, eine Vermarktungsstrategie zu entwickeln, Geld über Crowdfunding zu sammeln und die Designs für die Apps liefern. Die eigentliche Entwicklung der Uhr, der Firmware und sogar der Apps würde Viewcooper übernehmen. Gegenüber Kundschaft sowie Unterstützerinnen und Unterstüzern wurde diese Tatsache allerdings bis letzten Montag verschwiegen. Noch heute kann man auf der Homepage von Kreyos lesen, dass sie ein Team von Experten, unter anderem für Produkt- und Softwareentwicklung, seien. Das war glatt gelogen, da sämtliches technisches Knowhow eingekauft war. Dadurch war es natürlich nach dem Auftreten der ersten Schwierigkeiten mit dem Hersteller Viewcooper nicht möglich, den Produzenten zu wechseln, da Kreyos selbst ja gar keine Entwürfe für die Uhr besass.

 

Wenn man den Aussagen von Kreyos Glauben schenken darf, dann verlangte Viewcooper in betrügerischer Absicht zu hohe Preise für Prototypen und Teile wie auch für die Produktion und ging die Entwicklung nicht mit der versprochenen Qualität und Zügigkeit an. Scheinbar wurden grosse Geldmengen privat abgezweigt und versucht, auf Kosten von Kreyos ein Smartwatchkonzept zu entwickeln, welches man dann fertig an einen anderen Kunden verkaufen kann, obwohl man zu Beginn der Zusammenarbeit versprochen hatte, keine anderen Smartwatches zu produzieren. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass das komplette Scheitern des Projektes in erster Linie Viewcooper anzulasten ist und hier auch kriminelle Energie vorhanden ist, aber Kreyos täuschte bewusst oder unbewusst ebenfalls seine Kunden. Man erweckte den Eindruck, eine Smartwatch selbst zu entwickeln welche lediglich durch einen Auftragsfertiger produziert würde. Derartige Praktiken sind alles andere ungewöhnlich. Auch Apple entwickelt seine Geräte selbst und lässt diese in China von externen Firmen fertigen, ein Qualitätsproblem stellt das nicht dar. Dass Kreyos aber über keinerlei technisches Wissen verfügt und ein reines Marketingkonstrukt ist, hätte viele vermutlich doch davon abgehalten, ihr Geld dort zu investieren.

 

Als letzter Rettungsanker dient denjenigen, die bereits eine Uhr erhalten haben, jetzt die Offenlegung sämtlicher Quellcodes. Durch Opensource soll es ermöglicht werden, dass die Community wenigstens die Software noch auf einen vernünftigen Stand bringt. Uhren, die einen Wasserschaden haben, werden direkt durch Viewcooper ausgetauscht, sind dann aber weiterhin nicht wasserdicht. Diejenigen, die bisher noch gar keine Uhr erhielten, werden in die Röhre gucken.

 

Man kann aus dieser Geschichte einiges lernen: Der Hype um Crowdfunding versperrt die Sicht auf die Gefahren. Wer sich auf den Plattformen mal etwas umschaut, findet dort Kampagnen, die bis ins Lächerliche gehen. Beispielsweise bekam ein Jugendlicher einen Motorroller zum Geburtstag geschenkt, man vergass aber, dass sich die Familie weder Steuer noch Versicherung leisten kann. Nun wollte der Kampagnengründer von wildfremden Menschen Geld, um seinen Motorroller versichern und die Steuern zahlen zu können, Gegenleistung für die Unterstützenden: Gleich Null. Natürlich erreichen derartige Versuche das Kampagnenziel nicht und richten damit auch keinen Schaden an, aber zwischen den Massen von zum Scheitern verurteilten Kampagnen finden sich auch immer wieder welche, die scheinbar seriös sind und tolle Produkte versprechen. Doch wer und was dahinter steckt, weiss man nie so genau und wie man bei Kreyos sieht, wird man durchaus auch angelogen, was die Fähigkeiten betrifft. Gerade wenn ein professionelles Marketingteam, was Kreyos zweifellos war, dahinter steht, wird es oft schwierig sein, die Schwachstellen eines Konzepts zu erkennen.

 

Wer in Crowdfunding investiert sollte sich immer dessen bewusst sein, dass es ich hier um Risikokapital handelt. Die Crowdfunding Plattformen schützen einen nur davor, dass ein Projekt deswegen scheitert, weil es nicht genug Geld einnimmt. Wird das Ziel der Kampagne nicht erreicht, erhält man sein Geld zurück. Ist die Kampagne aber erstmal erfolgreich beendet, erhält der Kampagnengründer das Geld und was damit gemacht wird, kann nicht mehr überwacht werden. Im schlimmsten Fall ist das Geld dann weg und es erfolgt keine oder keine ausreichende Gegenleistung. Wenn man also Geld in ein Projekt investiert, dann sollte man es übrig haben und auch mit einem Totalverlust rechnen.

Kreyos Smartwatch Meteor
Das Kreyos Smartwatch Projekt ist endgültig gestorben

Quelle: Kreyos Blog (englisch)

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3 Antworten zu “Kreyos Meteor: Die Gefahren des Crowdfundings”

  1. lordofillusion sagt:

    Hab auch ein Exemplar davon!
    Hab damals das Projekt unterstüzt, da mir der Gedanke gefiel, das man über die Uhr Telefonieren kann. Irgendwie ein Kindheitstraum, der auch so in dem Werbeclip wiedergegeben wird.
    Es wäre für mich auch völlig akzeptabel gewesen, wenn nur die versprochene Funktion gehen würde. Das scheitert aber an der zu schlechten Qualität des Lautsprechers. Und daran ändert auch nichts, wenn sie mittels Firmware die Tonhöhe verringern.

    Das ganze Entschuldigungsschreiben ist ein erbärmlicher Versuch die Schuld von einem abzuweisen. Schuld an der Missere ist alleine Kreyos. Die haben das Projekt ins Leben gerufen, somit sind sie auch alle dafür verantwortlich. z.B. Wenn ich eine Pizza kaufe die schlecht schmeckt wegen der Salami, dann ist trotzdem der Pizzabäcker dafür verantwortlich und nicht der Mezger. Kreyos muss seine Produzenten aussuchen und diese ständig überwachen.

    Trotzdem finde ich Crowdfounding eine tolle Sache und werde immer wieder interessante Projekte unterstützen. Bei mir persönlich darf der Gesamtpreis (inklusive Versand) die 150 EUR grenze nicht überschreiten. Da die fertigen Produkte oft von Asien versendet werden und dann auch noch, zu 19% Mwst auch noch Zoll fällig wird.

    Mal sehen was als nächstes kommt 🙂

  2. Koile sagt:

    Wie sagt mein Vater immer so schön: „Verleihe nix, was du nicht auch verschenken kannst!“ Und letztenendes verleiht man beim Crowdfunding nichts anderes, als sein Geld… :rolleyes:

  3. Raisor sagt:

    Hab auch eine mit einem blauen Band… das Band ist das einzig tolle an der Uhr.

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