Mo. 25. Februar 2019 um 7:35

Handysucht – die neue Volkskrankheit?

von Adrian Suess0 Kommentare

Jeder und jede hat ein Handy – oder ein Smartphone – und nutzt es täglich zwischen einigen Minuten und vielen Stunden. Kinder in der Grundschule tauschen sich über ihre Spiele aus, Teenager können ohne ihr Smartphone kaum mehr überleben, Erwachsene nutzen es beruflich ebenso wie privat und selbst Rentner prüfen Zugverbindungen oder Supermarkt-Angebote über ihr Mobilgerät. Aber sind wir alle süchtig oder setzen wir nur ein praktisches Hilfsmittel wirkungsvoll ein?

 

Forscherinnen und Forscher der Baylor University in Waco beschäftigten sich mit dem Thema Handysucht und veröffentlichten die Ergebnisse in einer Studie. Dieser Studie zufolge ist es besonders die Gruppe junger Erwachsener zwischen 19 und 22, die “ohne ihr Handy nicht mehr leben kann”. Zwischen 8 und 10 Stunden verbringen junge Leute mit dem Handy, was natürlich die Zeit für andere Aktivitäten wie Sport oder Treffen mit dem Freundeskreis deutlich einschränkt. Die Form der Sozialkontakte hat sich massiv verändert, häufig sind die Follower wichtiger als die Leute aus der Klasse oder die Mitglieder im Sportverein. Aber was können die Ursachen für die exzessive Nutzung des Handys sein? Folgende Punkte spielen eine wichtige Rolle:

  • Soziale Medien verlangen nach permanenter Erreichbarkeit und Aktivität
  • Der Zwang zum “Teilen” seines Lebens
  • Spiele, bei denen man durch häufige Präsenz schneller vorankommt

Soziale Medien sind gleichzeitig ein Fluch und ein Segen

Im letzten Jahrzehnt haben sich verschiedene soziale Medien explosionsartig entwickelt. Alles begann mit Facebook und Twitter, gefolgt von WhatsApp. Später gesellten sich auch Plattformen wie Xing oder LinkedIn hinzu, die sich auf die berufliche Sparte konzentrieren und den Aufbau beruflicher Netzwerke unterstützen. Natürlich war anfangs alles super spannend und neu, und sicherlich sind diese sozialen Medien auch nützlich, wenn sie richtig eingesetzt werden. Sich beruflich zu vernetzen, hilft nicht nur bei der Jobsuche. Man findet hier auch Menschen, mit denen man sich über berufliche Fragen austauschen, oder mit denen man ein Projekt planen kann.

Leider verleiten die sozialen Medien aber auch dazu, sich ständig damit zu beschäftigen. Wer einen Tweet verpasst oder seine Facebook-Seite nicht pflegt, handelt sich schnell einen schlechten Ruf ein. Und auf Instagram schaut man sich schnell mal an, was gerade in ist, oder was die Leute tun, denen man folgt. Ausserdem will man auch die neuesten Informationen nicht verpassen, deshalb wirft man doch immer wieder einen Blick auf den Handybildschirm, schreibt eine E-Mail oder eine SMS oder versendet ein Bild per WhatsApp. Damit gefährden Jugendliche nicht nur ihre schulischen Leistungen, sondern auch der Chef oder die Chefin ist sicherlich nicht begeistert, wenn man sich auf der Arbeit ständig vom Handy ablenken lässt.

Endlich können wir unser Leben mit allen teilen

Wie bereits erwähnt, hat sich die gesamte Technik, die mit dem Handy verbunden ist, massiv verändert. Und das gilt nicht nur für Datenraten und Mobilfunknetze, sondern auch für die Handyfunktionen an sich. Das Handy nutzen wir mittlerweile kaum noch zum Telefonieren, sondern häufiger zum Fotografieren, als MP3-Player oder als Informationsquelle. Zahlreiche Apps erleichtern das Speichern und Sortieren der Fotos, und sie lassen sich auch schnell in einer Galerie anzeigen und sogar bearbeiten. Und die vielen Fotos, die wir machen, wollen wir natürlich auch mit anderen teilen. Es ist sicherlich toll, wenn die Oma ein Foto vom Enkel bekommt, wenn es die ersten Schritte macht.

Aber diese Freude am Teilen von Fotos kann auch leicht ausarten. Manchmal entsteht der Eindruck, es gehe beim Teilen von Fotos um das olympische Motto “Höher, schneller, weiter”, wenn Leute versuchen, ihren Freundeskreis und Bekannten zu übertrumpfen. Da werden Fotos von exotischen Gerichten gepostet und geteilt, jeder strebt plötzlich danach, die exklusivere Party-Location zu zeigen. Es reicht nicht mehr, ein schickes Urlaubsfoto zu machen, heute postet jeder eine Story über seinen Kurzurlaub, die er oder sie mit mehr oder weniger guten, informativen Fotos füllt. Und dank einer der neueren Erfindungen, dem Selfie-Stick, kann jetzt jeder und jede Reisende, Essende oder Cocktails-Schlürfende auch noch ein Foto machen, wenn man allein unterwegs ist. Auch hier besteht ein Suchtpotenzial, denn wer einmal mit dem Einfangen und Teilen von Momenten angefangen hat, kann sich nur schwer wieder davon lösen.

Mit dem Handy spielen, bis zum Umfallen

Dank HTML5 ist es Realität geworden – Handyspiele machen fast genauso viel Spass wie Spiele am PC. Man kann Browserspiele spielen und muss keine Software herunterladen und die Grafik hat sich so deutlich verbessert, dass man tatsächlich von einer brillanten Optik sprechen kann. Auch die Infrastruktur der Telekommunikation hat sich verbessert. In vielen Grossstädten gibt es Hotspots, wo man schnell eine Runde zocken kann. In Bus und Bahn gibt es eine Internetverbindung, und ein Hotelzimmer ohne Gratis-WLAN wird kaum noch angeboten.

Das alles verlockt – aber hier lauern auch Fallen. Zum einen sind es Glücksspiele, die über ein massives Suchtpotenzial verfügen und für die man Echtgeld einsetzen kann. Die Betreiber von Online-Casinos haben das Potenzial erkannt, das in den Mobilgeräten steckt und bieten ihre Dienste im mobilen Casino an. Hier ist der gesunde Menschenverstand gefragt, um ein böses Erwachen zu vermeiden. Wer sich unsicher ist, ob er vielleicht spielsüchtig werden könnte, kann ein finanzielles Limit einrichten oder auch Webseiten blockieren, die Glücksspiele anbieten. Eine weitere Spielgruppe sind Browserspiele auf Rundenbasis, bei denen man einen Levelaufstieg auf zwei Wegen erreichen kann. Entweder man investiert wieder Geld und kauft “Items”, mit denen man sich einen Vorteil verschafft, oder man spielt so lange, bis man über die notwendigen Fertigkeiten verfügt, um aufzusteigen. Beides ist problematisch, da der Handynutzer entweder zu viel Geld oder zu viel Zeit investiert. Aber auch hier kann der Spieler sich Grenzen setzen.

Ein toller Begleiter, wenn man ihn richtig einsetzt

Das Handy hat ohne Zweifel unser Leben bereichert. Wir haben unterwegs die Möglichkeit, ein Restaurant zu suchen, ein Hotel zu buchen oder uns die Zeit vertreiben, wenn wir mal wieder länger warten müssen. Wir können unseren Freunden und der Familie Bilder schicken oder uns noch schnell ein Outfit für die nächste Party bestellen. Das Handy ist super praktisch, handlich und dank der Entwicklung des Mobilfunknetzes mittlerweile auch vergleichsweise günstig.

Wenn wir wollen, können wir sogar Netflix nutzen und einen Film oder eine Folge unserer Lieblingsserie anschauen. Keiner möchte auf sein Handy verzichten, und niemand muss auf das Handy verzichten. Wir müssen nur lernen, das kleine Gerät als Werkzeug zu betrachten, das wir nutzen. Es darf nicht dazu kommen, dass das Handy unser Leben und unseren Tagesablauf bestimmt. Denn sonst besteht die Gefahr einer ernsthaften Abhängigkeit, sowohl in emotionaler als auch in psychischer Form. Spätestens dann, wenn man unruhig wird, weil das Handy nicht greifbar ist, oder wenn man sich selbst eingesteht, dass man ohne Handy nicht mehr in ein anderes Zimmer gehen kann, kann man von Abhängigkeit sprechen.

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