Di. 14. März 2017 um 17:39

Review: AVA Fruchtbarkeitstracker im Test

von Barbara Walter-Jeanrenaud3 Kommentare

Betrachtet man die Medien-, Blog- und Forenlandschaft für werdende Mütter und solche, die es werden wollen, wird vielen Frauen auch ohne erhöhten hcg-Wert ein wenig übel. Die seltsamsten Tricks aus dem Zauberkasten werden, neben vielen seriösen Tipps, angepriesen. Im Rahmen dieser Review beschäftigte ich mich ein wenig mit der Materie und war dann doch ziemlich schockiert. Ausgenommen vom “Zauberkasten” sollen hier ausdrücklich Webseiten sein, die Frauen z.B. die Temperatur- oder Zervixmethode näherbringen. Diese sind medizinisch seit Jahrtausenden erprobt und ziemlich sicher – für viele aber nur schwer durchführbar, da sie nicht mit jedem Lebensstil zusammenpassen.

Kurz vorweg

Nein, was mich etwas erschreckt hat, war Folgendes: Auch im Jahr 2017 ist noch von Himmelsrichtungen beim Sex für die optimale Befruchtung die Rede, manche Leute empfehlen ein äusserst ausgefeiltes Akrobatikprogramm nach der Befruchtung, das weit über das aus Soap Opera bekannte und bei bestimmten Problemen sinnvolle “Kerze-Machen” oder Übungen zur generellen Entspannung hinausgeht. In manchen Foren werden Praktiken und Ernährungspläne empfohlen, die fernab jeder Realität stehen und eine absolute Selbstkasteiung und Konzentration auf dieses eine, zwar wunderbare, Lebensziel hin haben – und dabei vollkommen vergessen, dass der Partner noch mehr “Funktionen” hat, als eine Eizelle zu befruchten. Recherche war selten so verstörend und frustrierend.

 

Versteht mich nicht falsch, all diese Hinweise haben ihre Berechtigung und wer sie anwendet, hat einen Grund. Vielen Frauen wird dabei aber ein wenig anders zu Mute. Natürlich verstehe ich, dass viele Frauen und Männer verzweifeln, wenn sie der Nachwuchs nicht einstellt. Gerade deshalb war es mir ein Herzensanliegen, den Ava-Fertility Tracker für euch zu testen. Dieser übernimmt nämlich beim Schlafen die Messung verschiedener Parameter, die den weiblichen Zyklus begleiten. Anhand dieser soll man laut Hersteller einen guten Überblick über den Zyklus bekommen und die fruchtbaren Tage werden gleich mit ausgerechnet.

Warum AVA?

Da es ja durchaus funktionierende nicht-invasive Möglichkeiten gibt, den Zyklus zu beobachten, stellt sich natürlich die Frage, wie die Firma auf die Idee kam, einen Fertility Tracker zu entwickeln. Lea von Bidder ist Mitgründerin des Start Ups und äusserte sich auf die Frage, was die ausschlaggebenden Gründe für die Entwicklung von AVA waren und welche Hürden auf dem Weg zur Marktreife genommen werden mussten wie folgt:

Die Freundin meines Mitgründers Peter versuchte vor etwa drei Jahren schwanger zu werden. Um ihre Chancen zu verbessern, wollte sie ihren Zyklus tracken. Allerdings waren die Methoden, die sie vorgefunden hat, ungenau und sehr altmodisch. Das war der Punkt, an dem wir uns zum Ziel gesetzt haben, Zyklus-Tracking ins 21. Jahrhundert zu bringen.

 

Dabei war unsere klinische Studie, die wir vor einem Jahr erfolgreich abgeschlossen haben, wohl die größte Hürde. Startups sollen heutzutage vor allem schnell und lean sein. Eine klinische Studie hingegen ist zeit- und ressourcenaufwändig und lässt sich nicht abkürzen. Ein Aufwand, welcher sich aber klar gelohnt hat: Basierend auf den Daten dieser ersten Studie, haben wir bereits mit einer zweiten, größeren Studie begonnen, die im Moment läuft.

Wir können also erwarten, auch in Zukunft noch viel von dem Unternehmen zu hören.

 


Ava Fruchtbarkeitstracker
Gestatten: AVA, Fruchtbarkeitstracker.

Lieferumfang, Design und Komfort

Fangen wir mal ganz aussen an: AVA wird in einer grünen Pappschachtel geliefert. In dieser befinden sich der Tracker selbst, ein mintgrünes, weiches Silikonarmband, eine Kurzanleitung sowie ein Kabel zum Aufladen des Trackers. Alles in der Schachtel ist gut verstaut und ohne grossen Aufwand auszupacken. Die Pappschachtel selbst ist mit dem Produktnamen und Logo versehen, ausserdem stehen wichtige Eckdaten zur Funktion des Trackers darauf. Mit dem Schriftzug “Conception should be just the way you conceive it” wird klar, um was es sich bei dem Gerät handelt.

 

Der Tracker selbst ist ein aus silberfarbenen Plastik gefertigtes Bauteil ohne Display. Es ist mit einer einzelnen LED auf der Oberseite ausgestatten, an der Unterseite befinden sich die Sensoren für die Messung der biologischen Daten. Am Rand des Trackers befindet sich eine vertiefte Rille. Diese ist dafür gedacht, den Tracker richtig ins Armband einzufügen. Ist dies erledigt, bekommt man ein Wearable, das entfernt an eine Armbanduhr erinnert – nur eben ohne Display. Das Design ist schlicht. Das Material des Armbands ist angenehm auf der Haut zu tragen und fühlt sich hochwertig an. Es ist sehr weich und flexibel. Was allerdings gar nicht schön ist, ist der Plastikverschluss. Dieser besteht aus einem kleinen Bauteil mit zwei Häkchen, die in das Armband eingeklippt werden, um es an Ort und Stelle zu halten. Dieser Verschluss sieht nicht nur sehr billig aus, er löst sich auch ständig und ist wenn man beim Schlafen doch mal den Kopf auf das Armband legt, sehr unbequem. Im Test kam es vor, dass das Armband sich nachts löste, was dann blöd für die korrekte Messung ist. Also befestigte ich es enger, woraufhin dieser kleine harte Verschluss es sich nicht nehmen liess, sich fies in meine Pulsaderregion zu zwängen, was Druckstellen und sogar leichte Schmerzen zur Folge hatte. Hier muss die Firma AVA auf jeden Fall noch nachbessern, das geht gar nicht.

 

Auch der Tracker selbst besteht aus diesem harten silbernen Plastik. Mit einem Zentimeter Dicke ist er um einige Millimeter dicker als zum Beispiel die Apple Watch. Möchte man AVA benutzen, sollte man also auf jeden Fall bereit sein, mit einer Uhr zu schlafen. Man spürt das Device, das kann manche Frauen stören.

 

Inbetriebnahme und Sicherheit

Bevor man AVA benutzen kann, muss man den Tracker erst einmal aufladen. Hierzu steckt man das Micro-USB-Kabel in den Slot an der Seite des Geräts. Neben AVA braucht man dann noch die App zum Tracker. Diese gibt es im Google Play Store und im Apple App Store gratis. Per Bluetooth verbindet man nun AVA mit dem Smartphone. Hierzu muss man das Ladekabel kurz entfernen und wieder einstecken, die Bluetooth-Verbindung geht automatisch an, wenn sich der Tracker an den Strom anschliesst, schaltet sich nach einer Weile aber wieder aus. Die LED leuchtet für den Bluetooth-fähigen Zeitraum blau, ansonsten grün oder rot, je nach Ladezustand. Es gibt keinen Knopf am Gerät, mit dem man die Verbindung alternativ herstellen könnte.

 

In der App gibt man dann die wichtigsten Eckdaten ein und kann ein Profil erstellen. Dann kann es auch schon losgehen. Vor dem Schlafengehen legt man das Armband an. AVA kann zwischen Schlaf und Nicht-Schlaf unterscheiden, es verfälscht also keine Daten, wenn man noch ein wenig im Bett liest oder fernsieht. Wichtig ist, dass AVA nicht wasserdicht ist, man sollte den Tracker also nicht zum Duschen tragen und beim Händewaschen abnehmen oder sehr vorsichtig sein.

 

Das Thema Sicherheit beschäftigt eine ja gerade bei so intimen Daten wie dem Zyklusverlauf ganz besonders. Fielen die gemessenen Daten in die falschen Hände, könnte dies für viele Frauen nicht nur peinlich, sondern wirklich schädlich sein. Lea von Bidder antwortet auf die Frage, wie und wo die Daten gespeichert werden und wie sie vor unbefugtem Zugriff geschützt würden:

Die persönlichen Daten und Gesundheitsdaten werden separat gespeichert. Erst auf dem Handy der Userin kommen sie zusammen. Damit schützen wir die Daten nach dem heutigen besten Standard.

Doch was heisst das? Die Datenschutzerklärung der Ava AG sagt hierzu, etwas verschachtelt, dass unter anderem auch die persönlichen, physiologischen Daten auf die Server eines “externen Dienstleisters”, anscheinend von Amazon Web Services in den USA, synchronisiert werden. Viel durchsichtiger ist das also an dieser Stelle nicht. Ava behält sich zudem das Recht an den erhobenen Daten vor, ausgenommen der physiologischen Daten. Diese bleiben Eigentum der jeweiligen Benutzerinnen. Etwas schleierhaft.

Funktion und Handhabung

Während man schläft, misst AVA die für den Zyklus wichtigen Daten aus. Hierzu zählt klassischerweise die Körpertemperatur, die aber natürlich etwas niedriger ausfällt als mit einem Fieberthermometer gemessen, da lediglich die Durchschnittstemperatur der Hautoberfläche gemessen wird. Ansonsten werden der Ruhepuls, Atemfrequenz, Schlafqualität, Herzratenvariabilität, Bewegungen, Bioimpedanz und der Wärmeverlust über die Haut gemessen. Ausgehend von gesammelten Daten aus einer Studie, die über ein Jahr lang gesammelt wurden, sollen diese Werte genaue Aussagen über den Zyklusstatus der Frau geben.

 

Wir haben jeden Tag manuell nachgemessen, was man zu Hause tun kann. Die Temperaturkurve des Geräts stimmt im Grossen und Ganzen mit den selbst gemessenen Werten überein. Zwar liegt die im Mund gemessene Temperatur natürlicherweise um gute zwei Grad über der Hauttemperatur, aber die Schwankungen waren identisch. Hier tut AVA also, was es soll. Auch der Ruhepuls wurde stichprobenartig überprüft und zeigte dieselben Schwankungen wir das Gerät. Der Eisprung wurde – soweit überprüfbar – ziemlich genau berechnet, ebenso wie das Einsetzen der nächsten Blutung. Dies überraschte im Test schon positiv, da die Daten zunächst wie einfach “abgezählt” wirkten und sich vom regulären Zyklus der letzten Monate leicht unterschied. Ein Arzttermin im Testzeitraum bestätigte zudem den Zyklusstand kurz nach dem Eisprung – auf den Tag genau konnte und wollte sich der Arzt nicht festlegen.

 

Insgesamt sind die Aussagen, die der Tracker aufgrund seiner Messergebnisse trifft, exakt. Um die Daten auslesen zu können, ist der Blick in die App obligatorisch. Da man das Gerät sowieso jeden Tag verbinden muss, fällt dies nicht schwer. In der App kann man allerdings nicht auf alle Daten zugreifen. Lediglich HRV, Puls, Temperatur, Schlafqualität und Datenqualität werden angezeigt, der Rest im Hintergrund berechnet. Seit einem Update Ende Februar gibt es auch endlich Verlaufskurven für die Temperatur, dies war vorher leider nicht der Fall und man musste die Werte für sich aufwendig im Kopf oder auf Papier anordnen.

 

Anbei nun ein paar Screenshots der App, mit der man die Messergebnisse auslesen kann. Aus Prinzip verwende ich bei sehr persönlichen Apps aus Gründen der persönlichen Distanz nie meinen richtigen Namen, das wird sich auch bei AVA nicht ändern.

Ausblick

In Zukunft wird AVA sicherlich noch weiterentwickelt werden. Lea von Bidder sagte hierzu, dass die Schwächen des Geräts, wie etwa das Armband, dem Unternehmen durchaus bewusst seien:

Und selbstverständlich haben wir noch viele weitere Entwicklungen geplant – es bleibt spannend! Ein weiterer Schwerpunkt, mit dem wir uns im Moment auseinandersetzen, ist das Band: Wir wollen es noch einfacher und komfortabler in der Handhabung machen.

Ausserdem stellt sich das Unternehmen für die Zukunft Erweiterungen des Zyklustrackings vor

Ava wird langfristig zu einer Begleiterin von Frauen für die verschiedenen Stationen ihres Lebens – sei es während der Kinderplanung, während der Schwangerschaft, als Verhütung oder auch während der Wechseljahre. Wir sind im Augenblick  mit der klinischen Forschung auf all diesen Gebieten beschäftigt.

Diese Funktionserweiterungen würden vielen Frauen in verschiedenen Lebenssituationen helfen, ihren Zyklus einschätzen zu können.

Fazit

Insgesamt wirkt AVA weniger hochwertig, als es ist. Die Materialien sind ok, insbesondere das Armband, der Tragekomfort ist aber sicherlich ausbaufähig. Vielleicht wäre eine Art Klettverschluss eine Lösung – harte spitze Teile wie dieser Armbandverschluss (ja, über den komme ich nicht hinweg) sind für nachts zu tragende Geräte sicherlich nicht geeignet. Der Tracker sieht nicht nach den 249 Franken bzw. Euro aus, die er kostet, die Technik im Inneren ist es aber wert. Weshalb hier ausgerechnet am Tragekomfort Abstriche gemacht werden, ist schwer zu verstehen, erklärt sich aber vielleicht aus der Aussage heraus, dass Start Ups möglichst schnell Ware für den Markt liefern müssen, so dass nach der medizinischen Testphase zunächst zu wenig Zeit für komfortablere Armbänder blieb.

 

Die gemessenen Daten sind soweit prüfbar korrekt und auch die Vorhersage des Eisprungs und der nächsten Menstruation stimmen im Grossen und Ganzen mit der Realität überein. Die App ist insbesondere seit dem letzten grösseren Update gut zu bedienen und die erfassten Daten lassen sich wunderbar ablesen. Dies ist wirklich positiv. Ob man zur Beobachtung des Zyklus wirklich auf einen Tracker für 249 SFr. zurückgreifen möchte oder ob es die symptothermale Methode (Beobachtung der Temperatur und des Zervixsekrets) tut, muss jede Frau für sich selbst entscheiden. AVA bringt auf jeden Fall ein bisschen mehr Flexibilität und Bequemlichkeit in den Prozess der Selbstbeobachtung, was für viele Frauen sicher ein grosses Plus bedeutet.

 

Achja, ein kleiner Hinweis an die ganz Neugierigen hier: Ein PocketPC.ch-Reviewbaby ist nach diesem ausführlichen Test nicht unterwegs 😉 

 

17.3.2017 UPDATE: Wie wir soeben von AVA erfahren haben, bekommen diejenigen, die den Tracker bereits bestellt, aber noch nicht erhalten haben, eine neue, bessere Version des Armbands geliefert.

vg-wort
Das könnte Sie auch interessieren

3 Antworten zu “Review: AVA Fruchtbarkeitstracker im Test”

  1. skycamefalling sagt:

    Vielen Dank für den ausführlichen Test 🙂
    Ein interessantes Gerät mit einigen Kinderkrankheiten, wie es scheint.
    Die große Frage für mich wäre ja, wie sicher das Gerät beim Einsatz als Verhütungsmittel wäre…wenn es anzeigt wann man fruchtbar ist dann kann man im Umkehrschluss wohl auch die nicht fruchtbaren Tage herausfinden.
    Das wäre für viele Frauen wohl eine Alternative zu Hormonbomben wie der Pille usw.

  2. Barbara Walter-Jeanrenaud sagt:

    Derzeit ist der Tracker noch nicht als Verhütungsmittel zugelassen und hat auch noch keinen Pearl Index.
    Aus meiner Erfahrung heraus würde ich es eventuell als Alternative zur symptothermalen Methode (NFP) nutzen, aber nur dann, wenn eine Schwangerschaft keine Katastrophe bedeuten würde. Langfristig ist, wie ja auch im Artikel zitiert, ein Einsatzgebiet auch in der Verhütung geplant. Ich denke aber, dafür muss es einfach noch erprobter sein, um sicherere Aussagen treffen zu können.

  3. Sahn_Ab sagt:

    Im Grunde also ein Fancy Shmancy App, um Temperatur zu messen. Hmmm, da bin ich nicht so überzeugt. Gerade wenn man das mit der ebenfalls neu herausgekommenen Natural Cycles vergleicht. Die ist zwar theoretisch zur Verhütung gedacht, aber die kann man ja genau so gut andersherum nutzen – bei der Sicherheit sicher auch sehr gut.

    Ich würde Frauen also nach wie vor entweder klassische NFP empfehlen, oder, wer es einfacher aber dennoch zuverlässig haben will – cyclotest myway (soweit ich weiß, einer der wenigen symptothermalen Computer, die zwei Merkmale beobachten können).

Schreibe einen Kommentar

Teilen