Mi. 16. Mai 2018 um 21:15

One’s Two Cents: “Aber irgendwie muss sich das ja finanzieren” – Verdammt, es reicht!

von Marcel Laser2 Kommentare

Es hätte so schön sein können. Auch unser Testbericht regt sich über das Energie-System im neuen Harry Potter: Hogwarts Mystery Spiel auf. Dennoch liest man im App Store teils haarsträubend gute Bewertungen, die nahezu alle ein System verteidigen, das vor allem für unsere Kleinsten mitunter das gefährlichste Problem darstellt: Nämlich die Senkung der Hemmschwelle zum Geldausgeben. Dass es aber an vielen Stellen auch deutlich besser geht und sogar ernsthaft auf einem Smartphone gespielt werden kann, wird aber oftmals viel zu schnell übersehen.

Harry Potter: Hogwarts Mystery ist reines Pay-2-Play, mit zu wenig “Play-Anteilen”

Harry Potter: Hogwarts Mystery ist kein Spiel, sondern eine Gelddruckmaschine und wahrscheinlich auch keine ungefährliche. Es ist ein neuer Tiefpunkt im Mobile Gaming Markt, mit denen die App Stores bereits seit Jahren zu kämpfen haben und dieses eine neue Spiel, auf das sich wirklich so viele Menschen gefreut haben, schiesst in einem dermassen hohen Bogen den Vogel ab, wie ich es bisher in dieser Branche kaum erlebt habe. Und wir reden hier nicht von irgendeinem Spiel! Wir reden von einem Milliarden-schweren Franchise, welches Fans jeder Altersklasse auf der ganzen Welt mit seiner Magie seit mehr als zwanzig Jahren verzaubert und nun ein eigentlich tolles Mobile Game hätte bekommen sollen.

 

Ein Spielsystem, welches euch maximal ein bis drei Minuten spielen lässt, um das Smartphone dann für rund anderthalb Stunden beiseite legen zu müssen oder 55 Edelsteine – also umgerechnet zwischen 1,50 Euro und 2,10 Euro bezahlen zu müssen – ist eigentlich gar kein Spielsystem, denn zum eigentlichen Spielen kommt man nicht. Und selbst wenn man “spielt”, dann klickt man in 96% der Fälle nur blaue Dinge an, die bis zu fünf Energiepunkte kosten können. Der pure Wahnsinn!

 

Schlussendlich wird Harry Potter: Hogwarts Mystery sogar mit sehr guten Bewertungen in den App Stores verteidigt. Da finden sich Auswüchse wie “Irgendwie muss das doch finanziert werden?” oder “Es ist eben ein Spiel für zwischendurch”. Da frage ich mich grundsätzlich, was an ein bis drei Minuten Spielzeit “für zwischendurch” sein soll. Eine Aufgabe im Spiel kann sich mit fünf oder sechs Sternen schon mal mehr als sechs Stunden hinziehen. Die aktuell reine Spielzeit in diesen sechs Stunden beläuft sich dann aber auf nur um die 10 Minuten. Warum wird so etwas eigentlich noch verteidigt? Nur, weil man Harry Potter Fan ist? Ich bin auch Harry Potter Fan und nenne es maximal “Abzocke für zwischendurch”. Von der Gefahr bei jüngeren Kindern einmal obendrauf, die die Werte von Geld noch vermittelt bekommen müssen, aber gerne ein tolles kleines Harry Potter Spiel “für zwischendurch” gehabt hätten.


Diese Teufelsschlinge begegnet euch sehr früh im Spiel und fesselt euch sprichwörtlich an die erste Paywall.

Viele F2P-Spiele in den App Stores beweisen, dass es auch anders geht

Es ist ein neuer Tiefpunkt im Smartphone Gaming und dieser tut richtig weh, weil es ein Franchise trifft, welches eine hohe Aufmerksamkeit im Apple App Store und Google Play Store erreicht. In den Köpfen der Menschen setzt sich so etwas fest: “Für mehr sind Smartphone Spiele doch eh nicht gut oder? Ist doch völlig normal!” ist vielerorts zu lesen. Ist das denn wirklich so? Nein, ist es nicht! Fangen wir erst einmal mit Free-2-Play Games an, die trotz Energiesystem euch länger als eine halbe Stunde vor den Bildschirm setzen können.

 

Star Wars: Galaxy of Heroes oder Summoners War: Sky Arena geben euch im Endeffekt immer etwas zu tun. Egal ob es gilt, ein neues Deck aus Figuren zusammen zu stellen, neue Einheiten zu beschwören, Erfahrungspunkte oder Ausrüstung zu farmen. Da ihr in die Kämpfe eingreifen und taktisch vorgehen könnt, ist allein das Verhältnis zwischen Energienutzung und der reinen Spielzeit enorm: Ein Boss-Kampf in Summoners War: Sky Arena kann durchaus auch mal über 5 Minuten dauern und kostet im Höchstfall im Storymodus 5 Energiepunkte von 70 (später hat man noch mehr). Das steht wahrlich in keinem Verhältnis zu Harry Potter: Hogwarts Mystery.

 

Nett: Alle paar Stunden wird man in Spielen wie Galaxy of Heroes oder Summoners War sogar mit Energie-Paketen beschenkt. Einfach so, ohne Geld auszugeben. Ja, ist das denn wahr? Zudem gibt es jede Woche Events, die noch einmal durch das Spielen weitere Gratisenergie in die Konten spülen können. Natürlich kann man auch hier nicht solange spielen wie man will. Ist die Energie samt der Geschenke aufgebraucht, wartet man ebenfalls bis zu vier Minuten auf einen einzigen Punkt. Dafür kann man pro Punkt auch deutlich mehr und länger spielen.

Star Wars: Galaxy of Heroes
Galaxy of Heroes kann euch sogar deutlich länger ans Smartphone fesseln. Dafür sorgen vor allem viele strategische Elemente.

Die Masse wird zur Plage… und nach Vollpreis-Perlen muss man tauchen

Leider schiessen allerdings Spiele wie Harry Potter: Hogwarts Mystery wie Pilze aus dem Boden und rücken das Zocken auf dem Smartphone in ein sehr schlechtes Licht. Sicherlich gibt es auch Ausnahmen, wie die oben genannten Spiele, die trotz Franchise im Hintergrund nicht direkt das Bezahlen in den Vordergrund rücken, aber generell überwiegt die Masse an Millionen von Bullshit-Titeln, die euch alle paar Minuten zur Kasse bitten. Echte Perlen müssen schon Mühsam beim abtauchen in den Abgründen der App Stores gefunden werden und sieht man hingegen nur selten, aber es gibt sie. Ja, auf einem Smartphone lässt sich ernsthaft Zocken und das mit richtig guten Games.

 

Unter anderem wären hier Oceanhorn (zweiter Teil ist unterwegs), Bastion, Layton’s Mystery Journey, Inside oder Monster Hunter: Freedom Unite zu nennen. XCom Enemy Within wurde ebenfalls auf mobile Endgeräte portiert und bietet das komplette Spielerlebnis der PC-Version. Square Enix brachte sogar ein eigenes Final Fantasy 15 auf Smartphones, welches zwar in Episoden gespielt wird, aber die volle Geschichte des Konsolenspiels enthält. Genauso wie die Telltale Spiele The Walking Dead, The Wolf Among Us oder Game of Thrones. Alle diese Spiele fesseln euch für viele Stunden an den Smartphone-Bildschirm. Sie kosten mehr, keine Frage, aber ihr bekommt das volle Spielerlebnis in Konsolenqualität und müsst euch nicht mit inApp-Käufen oder auslaufender Energie beschäftigen.

 

Es gibt aber auch Titel, die extra nur für Smartphones gemacht wurden: Monument Valley ist eines der herausragendsten Indie-Spiele, die es auf unseren mobilen Begleitern zu entdecken gilt. Altos Adventure spielt sich ebenfalls hervorragend. Natürlich sind es Spiele, die in ihrer Art für “Handys” konzipiert sind, das macht sie aber nicht weniger wertvoll oder spielerisch uninteressant. Es sind zwar nicht die dicken Wälzer mit über 50 Stunden Gameplay, aber dafür handelt es sich um spielerisch wertvolle kleine Titel, die selbst ihre 1,00 oder gar 5,00 Euro bzw SFr. wert sind.

Monster Hunter: Freedom Unite für iOS macht mit Controller eine hervorragende Figur.

Der eSport etabliert sich ebenfalls: ESL, grosse Turniere und mehr

Zuletzt wurde sogar der eSport auf Smartphones angesprochen. Mit Vainglory wurden bereits Turniere mit einem gesamten Preisgeld von über 120.000 US-Dollar veranstaltet. Arena of Valor nimmt es in dieser Form mit Vainglory sogar schon auf. Auch Asphalt und Real Racing durften sich bereits in grösseren Turnieren als Wettkampftitel präsentieren. Mittlerweile stocken immer mehr grössere eSport-Teams ihre Squads mit Smartphone-Spieler_innen auf. Auch wenn viele europäische Teams der Sache noch skeptisch entgegen blicken.

 

Viel wichtiger waren aber letztendlich dann auch Aufnahmen in die ESL, die Electronics Sport League. In der Major Variante des ESL Systems haben es bereits Clash Royale und Arena of Valor geschafft. Auch Vainglory hat einen ESL Major Modus im Lineup des Turnierunternehmers ergattern können. Die Turniere werden gesponsort und gefördert, es gibt Preisgelder und alles ist vom Smartphone aus spielbar. Hearthstone von Blizzard übrigens ebenfalls und auch für Summoners War: Sky Arena gibt es bereits grosse Turniere mit hohen Preisgeldern.

Zocken auf dem Smartphone ist alles andere als langweilig

Nur weil man mit dem Finger auf einer Glasscheibe herumdrückt, heisst es also nicht, dass das Gaming auf einem Smartphone langweilig sein muss. Die Free-2-Play-Titel geben in den App Stores den Ton an, aber man sollte sich den Blick in diesen Gewässern nicht verklären lassen. Perlen finden sich auch dort, wie oben beschrieben und es sind gar Spiele die einen für gutes Geld sehr lange beschäftigen können.

 

Viele dieser Spiele unterstützen Controller für Smartphones und man bekommt ein sehr ähnliches Spielgefühl, wie beispielsweise auf dem Nintendo 3DS, denn letztendlich sind Smartphones durch Games wie Oceanhorn oder Monster Hunter auch sehr gute mobile Spielekonsolen.

 

Zocken auf unseren mobilen Begleitern kann also auch richtig viel Spass machen und es gibt deutlich mehr zu sehen, als öde Free-2-Play-Kost, welche sich irgendwie alle paar Wochen selbst zu klonen scheint. Man muss nur danach suchen. Und selbst Free-2-Play kann durchaus eine gute Option sein. Leider legt Harry Potter: Hogwarts Mystery mit seinen Praktiken einen sehr dunklen Schatten über diese Form des Game-Publishings. Allerdings müsste man sich dagegen auch wehren und zumindest in den Bewertungen der Spiele klar machen, dass das so nicht geht.

 

Aber selbst davon scheinen wir weit entfernt zu sein und genau aus diesem Grund schaffen es Spiele wie dieses auch viel zu weit in dieser Branche, was wiederum andere Publisher dazu bewegt, ähnliche Systeme in die Stores zu stellen. Ein wahrlicher Teufelskreis.

vg-wort
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2 Antworten zu “One’s Two Cents: “Aber irgendwie muss sich das ja finanzieren” – Verdammt, es reicht!”

  1. Lumpinocchio sagt:

    Darum habe ich das Spielen auf dem Smartphone aufgegeben. Die meisten Spiele sind am Anfang kostenlos, nach ein paar Leveln gehts dann ans Geld. ☹️

  2. skycamefalling sagt:

    Für mich ist die Sache ganz einfach:
    Ein Spiel muss vollständig und offline verfügbar auf meinem Gerät vorhanden sein (sei es jetzt Smartphone oder Playstation oder sonstwas).
    Dann bin ich auch gerne bereit dafür entsprechend Geld auszugeben.
    Für Templar Battleforce oder The Room zahle ich auch gerne zweistellige Eurobeträge, da sie qualitativ das Geld wert sind und ich spielen kann wo, wann und wie lange ich möchte.

    Ein Spiel, das mich mit sozialen Komponenten, verpflichtender Internetverbindung oder Pay-to-Win Inhalten nervt kommt mir überhaupt nicht aufs Gerät.

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