Do. 26. Mai 2016 um 16:06

One’s Two Cents: „Hallo Nokia! Toll, dass ihr wieder da seid! Aber…“

von Marcel Laser5 Kommentare

Die Euphorie unter den Fans ist gross und selbst manch alteingesessener Technikfreak wird sich ebenfalls sehr über die Nachricht gefreut haben, dass Nokia wieder mit von der Partie ist. Allerdings überkommen mich persönlich einige Zweifel an der Rückkehr und wie diese aussehen soll. Konkrete Pläne gibt es anscheinend nicht, jedenfalls nicht öffentlich und das bereitet mir ein wenig Sorgen. Nokia brauch einen gelungenen Start, um sich zu platzieren. Sonst wird es eng.

Schwieriger könnte der Markt für Einsteiger derzeit nicht sein

Einer der wohl wichtigsten Punkte, den derzeit alles was in der Analysten-Szene Rang und Namen hat, ankreidet, ist das Problem der extrem komplexen und schwierigen Marktsituation im Bereich Smartphones. Auf Android zu setzen ist in Anbetracht der hohen Marktrelevanz zwar kein falscher Ansatz, doch ist der sehr hohe Marktanteil auch gleichzeitig ein enormes Risiko für jeden (Wieder-)Einsteiger. Denn den grossen Thron, ganz weit oben, besetzt Samsung in der Android-Welt und dahinter wird es engmaschiger als in den Barten eines Wals.

 

Neben vielen chinesischen Unternehmen, wie Lenovo mit seiner neu eingekauften Moto Marke, Huawei und ZTE, streiten sich noch Sony, LG, ein paar Blackberry-Geräte, HTC, Googles Nexus Reihe und viele weitere Hersteller um diverse Marktanteile. Sony hat zwar durch seine neue Xperia X Serie irgendwie eine Art von Handtuch in den Ring geworfen (in Deutschland erscheint nicht einmal das hauseigene Flaggschiff…), doch ganz aussen vor bleibt das japanische Unternehmen damit nicht. Blackberry hingegen hat einen Neuanfang mit Android probiert, scheiterte aber am Preis und der Akzeptanz, obwohl es sich beim Blackberry Priv nicht um schlechtes Gerät handelt. Aber es zeigt wie schwierig es werden kann und worauf es am Ende ankommt.

 

Betrachtet man es nüchtern, hat Nokia sowieso kaum eine andere Wahl, als auf Android zu setzen. iOS bleibt selbstredend Apple vorbehalten und stellt keine Alternative dar. Mit Microsofts Windows Phone Plattform ist man nicht nur Materiell in Form von Produkt, Software und einer nicht zu verachtenden Mitschuld von Microsoft gescheitert, sondern generell auch auf persönlicher Ebene hat die Beziehung zwischen Nokia und Microsoft wohl unüberwindbare Krater hinterlassen. Nebenbei spricht der Marktanteil von mittlerweile nur noch 0.7 Prozent Bände, an denen sich Windows 10 Mobile nun einmal messen und bewerten lassen muss. Positiv sieht anders aus. Allerdings gehe ich generell davon aus, dass ein gutes Windows 10 Mobile Device aus dem Hause Nokia durchaus positive Effekte erzielen könnte. Ich jedenfalls würde vor Freude im Dreieck springen! Sehen werden wir das in naher und mittlerer Zukunft aber nicht.

 

Im Allgemeinen ist der Name Nokia nun kein unbeschriebenes Blatt und schliesslich einst der unangefochtene Marktführer gewesen. Viele Fans halten auch nach dem Absturz die Treue und der Name hat immer noch eine gewisse Strahlkraft, die sich sowohl negativ als auch positiv auf die Zukunft auswirken kann. Doch reicht das auch? Starke Partner hat Nokia mit HMD global Oy und der Foxconn-Tochter FHI Mobile an Land gezogen. Grade die Zusammenarbeit mit FHI Mobile zeigt, dass auch hochkarätige Firmen wie Foxconn ein Interesse an dem Namen haben. Doch das der Name allein oft nicht mehr reicht, zeigt vor allem die unangenehme Situation, in der Apple sich seit dem iPhone 6s befindet.

Nokia Lumia 920
Das Lumia 920 von Nokia war ein sehr gutes Smartphone seiner Zeit.

Nokia muss Liefern um sich zu beweisen. Daher muss ein Flaggschiff her!

Den Markt anfänglich nur mit Budget-Phones zu überschwemmen, macht wenig Sinn. Denn dafür ist dieser unter den Billiganbietern schon zu stark fragmentiert und aufgeteilt. Zumal Geräte, die im Budgetbereich spielen meistens eh mehr oder weniger an der Qualität sparen und daher nicht gerade förderlich wirken können. Was Nokia anfänglich aber helfen könnte, wäre ein aussagekräftiges Flaggschiff, welches direkt in Konkurrenz zu Apple, Samsung, LG und Co. tritt. Zudem sollte man ein Feature anbieten, welches sich ebenfalls von der Konkurrenz zu unterscheiden weiss. Nahezu alle Spitzensmartphones der Hersteller bieten unterschiedliche Features als Alleinstellungsmerkmal an.

 

HTC beispielsweise, liefert ein ausgeklügeltes 1.1 Speakersystem mit dem Namen BoomSound im neuen HTC 10. Das Huawei P9 kommt mit einem echten Monochromsensor in der Kamera in Zusammenarbeit mit dem spezialisten Leica daher. Samsung bietet ein starkes Gesamtpaket und zusätzlich eine IP68-Zertifizierung, die mit dem Ausscheiden von Sony in der Oberklasse unserer Region mehr an Bedeutung gewinnt und Apple hebt sich mit 3D-Touch und eben dem eigenen iOS-Betriebssystem ab. Da Nokia allerdings nun schlecht mit einem eigenen Betriebssystem kommen kann, muss eben vielleicht etwas anderes her oder man bringt wie Samsung ein enorm gutes Gesamtpaket auf den Markt, das allerdings bei all der Konkurrenz auch preislich überzeugen müsste.

 

Wenn man aber nun in ein Konzept abdriftet, welches nur Einsteiger- und Mittelklassegeräte vorsieht, könnte der Schuss unter Umständen auch nach hinten losgehen und man findet sich schnell in einer nicht profitablen Nische wieder. Diese könnte dann durch den Mangel an Premium-Qualität den euphorisch erwarteten Neustart zur Farce werden lassen. Ob Nokia das am Ende will, bleibt anzuzweifeln, da die Ankündigung von offizieller Seite nicht nur mit einem nüchternen Pressrelease abgetan, sondern auch mit einem ausdrucksstarken Post im eigenen Unternehmensblog begleitet wurde. Das führt zwar zu enormer Aufmerksamkeit und damit auch zu einem gutartigen Hype (Dinge, die man für einen starken Start mit viel Konkurrenz benötigt), doch bringt dieser auch eine Erwartungshaltung mit sich, die oftmals nur schwer zu erfüllen ist. Jetzt mit günstigen Einsteigergeräten diese zu verspielen, könnte teuer werden.

 

Im letzten Quartal 2015 kamen Gerüchte über ein Smartphone von Nokia auf, welches mit Android 6.0 ausgestattet sein soll. Es wurde sogar sehr schnell zum Aushängeschild des Comebacks des Unternehmens. Allerdings gab es bisher nie mehr als ein paar verschwommene Bilder, unbekannte Quellen und zudem wurde auch eine Version mit Windows 10 Mobile spekuliert, was aber recht unwahrscheinlich klang. Ob das C1 noch Realität wird, bleibt hier die Frage.

Das Nokia C1 ist ein Smartphone mit Android 6 und wird schon seit Ende 2015 spekuliert. Damals wurde aber auch noch Windows 10 Mobile ins Spiel gebracht.

Nokia, ich freue mich wahnsinnig auf euch! Aber bitte versaut es nicht…

Was also bleibt für mich unterm Strich stehen? Eine Erwartungshaltung, die mich mit einem Traum von einem Flaggschiff mit Nokia-Branding zurücklässt und daher eine derartige Hoffnung schürt, die ich selten erlebt habe. Nokia selbst platziert sich in einer Art von Bringschuld und bekommt dadurch eine zweite Chance zu zeigen, es am Ende besser machen zu können, als noch zur Zeit der Partnerschaft mit Microsoft. Ein gutes Flaggschiff mit ordentlicher Hardware könnte also Wunder bewirken und das finnische Unternehmen vielleicht nicht in alte Sphären führen, aber doch zu einem gelungenen Start verhelfen. Ein Start, der in Anbetracht der negativen Vergangenheit wohl Balsam für die Seele wäre.

 

Eben ein Start, der die Fehler der Vergangenheit ausräumt und den Namen Nokia zurechtrückt. Ein Ziel, das nur mit Einsteigergeräten oder Mittelklasse-Smartphones extrem schwer zu erreichen ist. Daher muss das Unternehmen es bereits vom Start weg richtig anpacken und vielleicht mal ein wenig auf den Putz hauen. Da es selten in diesem Business überhaupt zu einer zweiten Chance kommt, wird es wohl zu einer Dritten eh nicht mehr kommen. Ein Szenario, dass ich Nokia nicht wünsche.

 

 

Dieser Beitrag ist eine Kolumne/Kommentar und gibt die Erfahrungen und Meinung eines einzelnen Redakteurs wieder. Diese muss nicht mit der Meinung der PocketPC.ch-Redaktion übereinstimmen.

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5 Antworten zu “One’s Two Cents: „Hallo Nokia! Toll, dass ihr wieder da seid! Aber…“”

  1. Stephan1987 sagt:

    Nokia könnte vom Design her zum Beispiel am C7 oder X7 anknüpfen. Natürlich mit aktueller Hardware um die 4,5 bis 5 Zoll. Damit würden Sie sich designtechnisch von den anderen abheben.

  2. Abarth sagt:

    Da wünsche ich viel Glück, denn das werden sie brauchen können. In einem Markt, der nicht mehr weiter wächst, sind in der Regel Überkapazitäten vorhanden.
    Das äussert sich in der Regel mit (zu) niedrigen Margen bei einem enormen Preiskampf.
    Ausserdem werden die Differenzierungsmerkmale immer weniger, und viele Nischen sind bereits besetzt.

  3. night sagt:

    wieso nicht wenns ein geniales richtig geiles device wäre und mit android daher kommt und rootbar ist.

  4. Entrail sagt:

    Das Problem mit den kleinen Smartphones ist, dass sie weniger Platz für die Hardware bieten. Sie können also kaum unter 5″ ohne nicht zumindest den Akku (oder noch andere Komponenten) zu verringern. Da ich das aber ebenso sehe, dass sie ein Konkurenzfähiges Gerät bauen müssen, denke ich wird es auch so 5-5,3″ haben. Wobei ich auch finde, dass selbst Mittelklassegeräte heutzutage schon genug Leistung bringen würden. Leider wird dort dann immer um nochmal 2Cent im Einkauf zu sparen nur 8 gb oder evtl mal 16 gb verbaut. 16 oder 32 gb, 2-3 gb Ram einen Snapdragon der 600 Serie und einen 3000 Akku mit einer guten Kamera ließe sich evtl auch an den Mann bringen 😉

  5. Fuchur84 sagt:

    Nur so am Rande, aber der Begriff „Marktanteil“ ist im Artikel nicht korrekt verwendet, weil er so sugeriert, dass der Gesamtmarktanteil gemeint wäre. WP/WM hat einen (Gesamt-) Marktanteil von ca. 4.03% (laut Netmarketshare, Stand April 2016, was der höchste Stand seit Okt. 2014 ist), nicht einen von 0.7%.

    Die 0.7% stammen vermutlich aus den Zahlen von Kantar und beziehen sich rein auf Neuverkäufe, was aber zwei unterschiedliche paar Schuhe sind. Die reinen Neuverkaufsanteile bevorzugen nämlich Hersteller, die „Wegwerf“-Smartphones produzieren (d.h. Kunden kaufen sich häufiger neue Smartphones, z. B. weil keine Updates zur Verfügung stehen oder das Smartphone kaputt gegangen ist) und sind schlecht für welche, bei denen die Käufer Ihre Smartphones lange nutzen (z. B. bei guter Updatepolitik, guter Verarbeitung, etc). Deshalb schneiden Apple und WP/WM hier meist schlecht ab, obwohl sie keine schlechten Produkte anbieten.

    Man muss dem Autor hier aber zu Gute halten, dass für einen OEM wie Nokia die Neuverkaufszahlen relevanter sind, als die Gesamtmarktzahlen. Aber ich würde vorschlagen, den Begriff Marktanteil gegen „Verkaufsanteil“ oder sowas zu ersetzen.

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