Do. 20. Juli 2017 um 10:46

Auch im Urlaub digital erreichbar – Segen oder Fluch?

von Barbara Walter-Jeanrenaud1 Kommentare

Allerorts bricht die grosse Ferienreisezeit an. Fast alle Kantone der Schweiz (sorry Aargau), viele deutsche Bundesländer und ganz Österreich sind schon in der grossen Schulpause für diesen Sommer angelangt und da zieht es viele an die Strände und Ferienorte, hüben wie drüben. Marcel hab ich unter Androhung der Vernichtung seines Smartphones verboten, auch nur im Geringsten für mich erreichbar zu sein – bisher wirkt das. Doch leider scheinen solche Drohungen nötig zu sein, wie eine aktuelle Studie von Bitkom zeigt.

Doch ist die Ferienzeit wirklich auch Auszeit?

Nein, sagt eine aktuelle Studie. Eine überwiegende Mehrheit, satte 71 Prozent der durch den deutschen Branchenverband Bitkom repräsentativ befragten Berufstätigen, gab an, auch im Urlaub für die Arbeit erreichbar zu sein, Smartphone sei Dank. 59 Prozent beantworten Kurznachrichten, 58 Prozent Anrufe und 38 Prozent E-Mails mit beruflichem Inhalt, obschon Sie im Erholungsurlaub sind.

Dabei ist es die Chefetage eher weniger, deren Anfragen im Urlaub beantwortet werden. Vielmehr sind es die eigenen Kolleg_innen die sich melden. Dabei zeigte die Studie auch diesbezüglich Altersunterschiede auf:  Berufstätige zwischen 14 und 29 Jahren gaben zu 37 Prozent an, im Urlaub nicht erreichbar sein zu wollen, während die Generation Ü30 dies nur zu 25 Prozent möchte.


Smartphone am Strand
Neben dem Strandkorb liegt auch im Urlaub bei vielen der direkte Draht ins Büro

Die Digitalisierung macht vieles davon ja erst möglich und da nun auch die Roaming-Gebühren innerhalb der EU pünktlich zur Urlaubssaison abgeschafft wurden, gibt es rein finanziell kaum noch Gründe, das Smartphone zu Hause zu lassen – sei es das dienstliche oder das private, wenn überhaupt eine Trennung erfolgt. Doch ist das gut?

Der Meister, dem wir dienen

Denken wir etwas allgemeiner darüber nach, was da eigentlich genau passiert. Wem wäre es vor 15 oder 20 Jahren auch nur im Traum eingefallen, auf der Arbeit die Telefonnummer des Hotels, in dem man mit der Familie für zwei Wochen absteigt, anzugeben? Wohl kaum jemand würde sich für so unentbehrlich halten wollen. Auch Selbstständige und Personen mit viel Führungsfunktionen würden dies als vermessen und gar abwegig verneint haben. Doch heute ist das ja gar nicht mehr nötig. Die beruflichen Mails sind in derselben App auf dem Smartphone, die WhatsApp-Nachrichten bei den wenigsten wirklich getrennt und telefonieren kann man nahezu überall und sowieso. Unsere Urlaubszeit, einst hart erkämpfter Gewerkschaftserfolg und gesellschaftliche Errungenschaften zu Arbeitsschutzrechten, zerrinnt mehr und mehr im Quarzsand der Zeit, aus dem Silizium gewonnen wird, was, wie wir alle wissen, Grundvoraussetzung für unsere digitalen Technologien und damit auch für Smartphones ist. Ohne Vorgabe und Verpflichtungen geben viele freiwillig oder unbedarft, aus Pflichtgefühl oder weil es fast alle so machen ihr Recht auf die Erholungszeiten auf und bedienen ihre Smartphones auch im Urlaub für berufliche Zwecke. Bedienen ist hier das treffende Wort, denn wenngleich kaum noch jemand je eine Bedienungsanleitung liest, ist diese genau das, eine Anleitung zum Dienen. Der Meister, dem wir Dienen, ist also vielleicht vielmehr das Smartphone, die ständige Erreichbarkeit, die immer präsente vermeintliche Vernetzung und die unbegrenzten Möglichkeiten, die hinter den Bits und Bytes stehen, die unsere kleinen digitalen Sklaventreiber auf ihren glänzenden Bildschirmen zu hübschen, bunten Bildern zusammensetzen. Oder ist es die immer schneller werdende Arbeitswelt und der Alltag, die wir meistern müssen und die es erforderlich machen, unsere Erreichbarkeit ins Unendliche zu steigern und anderes hinten anzustellen? Schliesslich sind die Smartphones wirklich unsere ständigen Begleiter. Im Schlafzimmer, im Bad, in Bus und Bahn – überall sind sie dabei.

Doch auch die Verwandten und Freund_innen möchten einem immer digital um sich wissen, quasi virtuell teilhaben können und teilhaben lassen am Erlebten, gerade im Urlaub. So teilt man innert Sekunden die Selfies vom Traumstrand mit einer Gruppe, schickt keine Postkarten, sondern Mails vom Campingplatz an die Daheimgebliebenen und berichtet kürzer, dafür aber häufiger und direkter vom Urlaub.

 

 

So oder so scheint Erreichbarkeit das wichtigste Gut zu sein, was viele ins Feld führen.

 

Wie ist das bei euch? Ist Urlaubszeit für euch Online-Zeit? Oder seid ihr auch mal bewusst unerreichbar? Schreibt es uns in den Kommentaren.

 

 

 

 

Quelle: Bitkom

vg-wort
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Eine Antwort zu “Auch im Urlaub digital erreichbar – Segen oder Fluch?”

  1. TiRohn sagt:

    Tja, Ferien sind zwar mittlerweilen durch (zumindest bei mir), aber ich habe meine digitalfreie Zeit definitiv genossen. Mein Mobile kam nur als Navi zum Zug, wenn wir mal wieder von einem zum nächsten Ort gefahren sind mit dem Auto, oder das Restaurant unserer (möglicherweise) Träume suchten, Mails und ähnliches wurde bewusst stumm geschaltet und nicht angefasst: Erholung pur!

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