Fr. 15. März 2019 um 7:18

Bye, bye Android!

von Yves Jeanrenaud1 Kommentare

Mit einem Marktanteil von über 85 Prozent ist Googles mobiles Betriebssystem Android der Platzhirsch. Mehr als drei Viertel aller Smartphones und Tablets werden mit Android, das vor zehn Jahren debütierte, betrieben. Kein Wunder, hat es doch für die Geräte-Hersteller bisher unschlagbar tiefe Kosten und ein übervolles Angebot an Apps und Funktionen sowie die Möglichkeit, eigene Launcher und somit ein Hersteller-Spezifisches Look-and-Feel zu verwenden.

Android ist krank

Doch Android ist krank – und zwar sehr. Nicht nur, dass Google zu einer Rekordstrafe verdonnert wurde, weil der Gigant aus Mountainview die Hersteller zwingt, nur auf ihr Betriebssystem und ihre Suchmaschine zu setzen und sonst keine G-Apps, wie Mail, Kalender und notabene den Google Play Store vertreiben lässt. Nicht nur, weil zig-tausende Apps ungefragt und unsichtbar personenbezogene Daten an Facebook weiter geben, ohne unsere Zustimmung. Auch, weil Google sich nicht darum schert, das Menschen sich zunehmend Sorgen machen um ihre Daten.

 

Beispielsweise, wenn Apps entgegen der Android Developer Richtlinien auf persistente Tracking-Methoden setzen. Dabei werden Personendaten, Android System ID (SSAID), International Mobile Equipment Identity (IMEI) und Android Werbe-ID mit weiteren Daten so genau verbunden, dass auch dann eine genaue Zuordnung noch möglich ist, wenn wir dieser de facto widersprochen haben und die Werbe-ID beispielsweise zurücksetzen. Das dies zehntausende Apps tagtäglich machen, hat das kalifornische International Computer Science Institute der Berkley vor knapp einem halben Jahr bei Google moniert. Getan wurde indes nichts. Es scheint, als hätte Google wenig bis kein Interesse daran, sein Betriebssystem wirklich sicherer, oder gar datenschützender, zu machen.


Android 9 Pie
Android 9 Pie verabschiedet sich schon?

Bad Apps

Das wäre ja schon schlimm genug, doch ist kein einzelnes Phänomen. Es gab in den letzten Monaten immer mal wieder grösseres Medieninteresse aufgrund eklatanter Probleme mit dem mobilen Betriebssystem Android. Beispielsweise, als eine Sicherheitslücke in millionenfach heruntergladenen Apps bekannt wurde, die es ermöglichen würden, im grossen Stil Schadcode auf unsere Smartphones zu laden. Oder als deutlich wurde, dass unzählige Apps ohne unser Wissen oder gar Einverständnis, quasi heimlich, Daten sammeln für Marc Zuckerbergs Facebook-Maschinerie. Ist das Medieninteresse gross, passiert dann auch mal bei Google. Doch reicht das?

 

Immer wieder werden tausende Apps aus dem Store geschossen, weil sie bösartigen, unsicheren oder schadhaften Code enthalten. Die Prüfung der Millionen von neuen Apps und App-Updates im Google Play Store läuft ja schon lang nicht mehr manuell ab. Doch wie es scheint, sind hier die Algorithmen und Checks des Alphabet-Konzerns nicht genug treffsicher. Da hilft auch Google Play Protect nicht mehr viel, das seit nunmehr bald zwei Jahren versucht, auch offline die installierten Apps in Spreu und Weizen zu trennen.

Bad Smartphones

Doch auch damit nicht genug. Nicht nur, dass Google viel mehr tun könnte gegen Sicherheitslücken im System, gegen supertracking und bösartige Apps. Die Geräte selbst sind Androids grösstes Problem. Also vielmehr die Vielfalt an Geräten und Herstellern. Gleichzeitig die grösste Stärke des mobilen Betriebssystems, dass Android auf so vielen unterschiedlichen Geräten so vieler Hersteller weltweit zum Einsatz kommt, führt es eben auch dazu, dass sicherheitsrelevante Patches viel zu spät oder gar nicht eingespielt werden. Allein 2017 brachte Google über 160 Updates raus. Bis auf die Pixel-Geräte sahen kaum andere Smartphones alle Updates, denn die Gerätehersteller kommen nur sehr langsam hinterher oder zeigen bisweilen auch kaum Interesse, dies wirklich stringent zu tun. Das führte auch dazu, dass manche, beispielsweise auch Samsung, den Patch-Status vorzugaukeln. Das ist auch nicht weiter schwierig, schliesslich zeigt Google ja notabene nicht etwa Versionsnummern an in den Systeminformationen, sondern nur das Datum des letzten Aktualisierungs-Packets. Dass damit alle vorhergehenden Updates und Patches mit-installiert wurden, ist leider viel zu oft ein Trugschluss.

Wer dies übrigens prüfen möchte, kann sich dies mit entsprechend Apps, beispielsweise SnoopSnitch, root vorausgesetzt, anzeigen lassen.

SnoopSnitch
Preis: Kostenlos

Die ist zwischenzeitlich gar nicht mehr im Store verfügbar.

Zur fast schon fahrlässigen Patch-Politik kommt auch die desolate Update-Politik der Geräte-Hersteller und die daraus resultierende entsprechend starke Fragmentierung des Android-Marktes hinzu. Die aktuelle Version Android 9 Pie ist nun über ein halbes Jahr alt, doch nur auf einer Hand voll Geräte verfügbar und überhaupt im Einsatz. Auch Android 8 Oreo ist nicht das Mass der Dinge mit 21 Prozent Verbreitung, sondern die alten Android 7 Nougat mit über 28 Prozent und gar Android 6 Marshmallow mit ebenfalls über 21 Prozent Geräte-Anteil weltweit. Da sind einfach nicht alle Sicherheits-Patches verfügbar. Viele Geräte bekommen ihr Leben lang keine Upgrades auf neue Android-Versionen mehr und manche sehen nie ein einziges, gar sicherheitsrelevantes, Update. Dieser Trend verstärkt sich vermutlich noch weiter mit den auch bei uns immer beliebter werdenden Billig-Androiden unbekannterer Hersteller aus Fernost. Doch hier nur den Geräte-Herstellern die Schuld zu geben, ist zu kurz gesprungen. Schliesslich müssen Patches und Updates oftmals durch eine lange Kette von Beteiligten, von Chip-Zulieferern, die Microcode nachbessern oder auf Kompatibilität prüfen müssen, bis zu Mobilfunk-Anbietern. Und alle haben eigentlich besseres, sprich profitableres, vor, als schon verkaufte Geräte zu versorgen. After sale support ist hier das Zauberwort und wird nicht oft gross geschrieben.

Was nun?

Was heisst das nun aber, wohin soll die Reise gehen? An Android kommt man ja nicht wirklich mehr vorbei. Es ist praktisch nur noch Apple iOS als Konkurrenzprodukt da, seit Microsoft sich von Windows 10 Mobile endgültig verabschiedete, von Nischen-OS wie Sailfish mal abgesehen. Nicht ohne Grund hat Android einen weltweiten Marktanteil von über 85 Prozent.

Google arbeitet am Android-Nachfolger Fuchsia schon seit ein paar Jahren. Fuchsia soll dieses Jahr noch in die Endphase gehen und erste Geräte, diesmal vom Fernseher über Tablet und Notebook zum Smartphone übrigens alles, abdecken. Es bleibt zu hoffen, dass Google aus seinen hausgemachten Problemen mit Android lernt und möglichst bald, möglichst gut und möglichst nachhaltig neue Wege beschreiten wird. Doch das sind bisher alles nur Hoffnungen und Träume.

Aber Android jedenfalls hat keine Zukunft.

 

 

Quellen: Android Authority (Englisch), ICSI (Englisch), FAZ

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Eine Antwort zu “Bye, bye Android!”

  1. kustg sagt:

    Gute Zusammenfassung. Ich würde mir wünschen, wenn das endlich ins Bewusstsein der Käufer ginge. Vor allem die, die nur wissen, dass ihr smartie “weiß und von Sam…ng ” ist.

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