So. 08. Mai 2016 um 8:46

Review: Tinkerbots im Test

von Yves Jeanrenaud1 Kommentare

Tinkerbots sind Baukästen aus weichmacherfreien Kunststoffteilen, die in Deutschland entwickelt und produziert werden, um Kindern ab sechs Jahren Technik näher zu bringen. Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Campagne haben sich Investoren und Startup-Founder gefunden, das junge Unternehmen aus Brandenburg zu befeuern und Tinkerbots auf den Markt zu bringen.

Die Tinkerbots Roboter bestehen aus verschiedenen Sensoren und Modulen. Die Sensoren und Module werden über ein ausgeklügeltes Stecksystem miteinander sicher verbunden und erlauben es, über den Mikrocontroller im Powerbrain getauften Modul alles zu steuern. Dieser wird sowohl per Bluetooth 4.0 als auch via USB programmiert oder die vier Tasten auf dem Modul werden benutzt, um Abläufe aufzunehmen und anschliessend abspielen zu können. Doch der Reihe nach. Für diesen Test nehmen wir den mittleren der drei verfügbaren Baukästen namens „Advanced Builder Set“. Die Verbindung zwischen Motoren, Sensoren und dem Steuerungsmodul erfolgt bei Tinkerbots über ein ausgeklügeltes System, welches mittels vier Federkontaktstifte auf drei konzentrischen Kreisflächen kommuniziert, wobei die einzelnen Module ineinander eingedreht werden und so sehr gut halten. Hinzu kommen eine Reihe von weiteren Quadern, Würfeln und Pyramiden, Räder sowie Achsen, um interessante Modelle bauen zu können. Die nicht-digitalen Bauteile werden mittels kreuzförmiger Stecker miteinander verbunden. Die Teile sind überwiegend aus ABS-Kunsstoff gefertigt und frei von Weichmachern, also für Kinderspielzeug gut geeignet.

 

Enthalten sind in Advanced Builder Set:

  • Ein Powerbrain. Dieser rote Würfel ist wie die meisten intelligenten Module der Tinkerbots Baukästen 4 x 4 cm gross und hat auf mehreren Seiten die kreisförmigen Verbindungsflächen. Die Oberseite zeigt einen mini-USB-Anschluss und darüber eine Status-LED sowie vier Tasten: Minus für langsamer, Plus für schneller, Record zum Aufnehmen und Pause/Play zum Abspielen bzw. Pausieren eines Bewegungsablaufs. Mit diesem Würfel werden alle anderen Würfel-Module verbunden.
  • Ein Pivot. Dieses Modul schwenkt ein Gelenk nach links und rechts um 180 Grad.
  • Ein Motor. Wie der Name schon sagt, dreht dieses Modul kreuzförmige Achsen in fünf verschiedenen Geschwindigkeiten. Dabei ist die Achse hundertprozentig kompatibel zu denen aus LEGO Technic-Sets.
  • Ein Twister. Dieses Modul ist Zylindrisch und kann sich um 180 Grad drehen.
  • Vier Räder mit 5 cm Durchmesser und fest angebrachten Gummiprofilen
  • Sechs Achsen, vier 2.2 cm kurz und zwei 7 cm lang
  • Zwölf gelbe Würfel, 2 x 2 cm gross
  • Vier gelbe Quader, die mit 2 x 4 cm so gross sind, wie zwei Würfel
  • Zehn blaue dreieckflächige Pyramiden
  • 14 gelbe Pyramiden
  • Zwei Adapterplatten, 4 x 4 cm gross, auf denen 25 Noppen zu finden sind, die Tinkerbots mit LEGO-Bauteilen erweiterbar machen.
  • Ein USB-Ladegerät und Ladeadapter
  • Ein 0.5 m USB-Kabel
  • Gebrauchsanweisung, Hinweis zum Trennen der Bauteile sowie eine Bauanleitung für fünf unterschiedliche Modelle

Die Verpackung des Sets macht einen durchdachten und hochwertigen Eindruck. Die smarten Bauteile sind entsprechend in separaten Fächern untergebracht, die qualitativ hochwertig gedruckte und anschaulich illustrierte Anleitung erleichtert das Bauen. Die Steine und Module selbst sind ebenfalls tadellos. Keine scharfen Kanten oder Grate, keine Spalten oder Rillen, wo keine hin gehören. Gerade der Powerbain-Stein, der neben der meisten Elektronik auch noch die Lithium-Ionen Akkuzellen enthält, ist äusserst stabil und in sich stimmig aufgebaut. Auch die drei Motor-Module sind robust und stabil gebaut.

Mit diesen Bauteilen, die laut Hersteller zum überwiegenden Teil von Zulieferern aus der Region um Berlin produziert werden, fertigt man nun also Modelle, beispielsweise Hunde, Insekten, Roboter oder Autos. Der Akku im Inneren des roten Powerbrain-Moduls ist innerhalb einer Stunde voll aufgeladen und hält für gut zwei Stunden, je nach Anzahl der verwendeten weiteren Module und Aufgaben etc.

Die fünf Modelle des Advanced Builder Sets aus der Bauanleitung lassen sich recht zügig zusammenbauen und sodann auch mit der kostenlosen App für Android und iOS steuern.

Tinkerbots Controls
Entwickler: Kinematics GmbH
Preis: Kostenlos
Tinkerbots Controls
Entwickler: Kinematics GmbH
Preis: Kostenlos

Die App, nur englischsprachig, funktioniert dabei denkbar einfach: Aus einem von sechs Modellen wählt man durch Antippen des Bildes eines aus und kann anschliessend entweder die Bauanleitung unter Android für bisher zwei der Modelle betrachten (die anderen vier sollen wie unter iOS noch folgen), oder direkt losspielen. Dabei prüft die App nach der Verbindung via Bluetooth 4.0, ob die intelligenten Baustiele wie im Plan vorgesehen zusammengesteckt wurden und bietet zwei Schaltflächen an, um Richtung und Bewegung zu steuern. Alternativ kann auch auf die Neigungssensoren des Smartphones oder Tablets zurückgegriffen werden – ein Tastendruck jeweils genügt dazu. Die App ermöglicht es so, einfach und übersichtlich die jeweiligen Modell über bis zu 30 Meter via Bluetooth-Verbindung fernzusteuern. Hier wären weitere Funktionen, einfache Wenn-Dann-Regelungen etwa, jedoch wünschenswert. So ist die App wie erwähnt vielmehr Fernsteuerung denn Programmier-Tool.

 

Ohne App wird Tinkerbots am Powerbrain direkt gesteuert. Nachdem das Modul durch längeres Drücken der mittleren Taste angeschaltet wurde, was ein kurzes Piep-Geräusch mit sich bringt und die LED grün zu leuchten beginnt, kann man die Record-Taste drücken, um in den Aufnahmemodus zu gelangen. Dies quittiert die LED des Powerbrain mit rotem Blinklicht. Hier werden nun 40 Sekunden lang Bewegungen, die man mit den einzelnen Modulen durch Drehen und Biegen ausführt, abgespeichert, bis die Taste oder direkt Play/Pause gedrückt wird, um die eingespeicherten Abläufe abzuspielen. Plus und Minus verändern hier die Abspielgeschwindigkeit aller Bewegungs-Module in fünf Stufen. Das ganze funktioniert einwandfrei, allerdings gilt es zu beachten, dass das Motor-Modul nicht auf diese Weise bedient werden kann.

 

Als dritte Option preist Tinkerbots die Möglichkeit an, den Atmega 32u4 Chipsatz, der im Powerbrain verbaut ist, per Arduino-Umgebung programmieren zu können. Derselbe Microcontroller ist ja auch im veralteten Arduino Leonardo zu finden. Dazu ist leider bisher jedoch weder die entsprechende Library noch eine Dokumentation von Tinkerbots zugänglich gemacht worden – schade.

 

Die Module können übrigens nicht übersteuert werden. Wenn beispielsweise ein Motor blockiert durch ein Hindernis, so schaltet die Elektronik diesen für einige Sekunden aus und lässt die LED des jeweiligen Moduls rot blinken. Eine Beschädigung der Elektronik oder Mechanik wird so verhindert.

Preis

Tinkerbots sind nicht gerade günstig; die Preise sind mit Mitbewerbsprodukten von LEGO oder Fischer-Technik vergleichbar. Tinkerbot Sets fangen bei 169,95 Euro für das Wheller Set z. B. bei Amazon an, zzgl. Versandkosten. Das hier getestete Advanced Builder Set kostet 249,95 Euro und für das grösste Set namens Sensoric Mega Set, welches neben den Bauteilen des kleineren Sets ebenfalls über ein Modul mit Lichtsensor, eines mit Infrarot Distanz-Sensoren, ein Verbindungswürfel sowie einen Greifer mit drei Fingern verfügt, sind 469,95 Euro fällig. Die Versandkosten innerhalb Deutschlands betragen 6,90 Euro, nach Österreich 11,90 Euro und in die Schweiz 29,90 Euro. Es soll zukünftig auch Erweiterungs-Sets geben, um bestehende Tinkerbots-Baukästen mit weiteren Teilen und Modulen zu vergrössern.

Fazit

Tinkerbots sind ein sehr interessantes und innovatives Produkt mit grossem Potential. Die robuste Verarbeitung, die einfache Bedienbarkeit und die hohe Qualität der Bauteile machen die Sets zu einem tollen Spielzeug. Die App ist sehr einfach gehalten und kann die vorgesehenen Modelle einwandfrei steuern. Wenn man die Bauanleitung beiseite lässt, was Kinder vermutlich sehr gerne und schnell tun werden, lassen sich, auch dank der LEGO-Kompatiblität, allerlei lustige und kreative Maschinen und Monster erschaffen, die dann die Wohnung unsicher machen können. Das Dreh-Prinzip der Verbindungsteile der einzelnen smarten Module ist äusserst trickreich und sinnvoll konzipiert. Es vermag zu überzeugen, weil es stabil hält und dennoch leicht zu lösen ist, gleichzeitig aber nicht falsch verbunden werden kann. Gut ist, dass sie nicht übersteuert und so beschädigt werden können. Die weiteren Bauteile, die Kunststoff-Würfel und -Pyramiden aus ABS-Kunsstoff, sind jedoch etwas schwerer zu verbinden und deutlich schwerer wieder zu lösen. Selbst für Erwachsene erfordert es einiges an Kraft und etwas Geschick, die Teile wieder zu trennen. Das Stecksystem ist hier etwas sehr knapp kalkuliert und aufgrund des verwendeten hochwertigen Kunststoffs wird es sich wohl auch kaum abnutzen und so leichtgängiger werden. Einerseits gut, denn so fallen die Machwerke nicht so schnell auseinander, andererseits wie gesagt ist es relativ schwer, sie wieder zu zerlegen, wenn man etwas neues daraus bauen möchte. Kleinere Kinder brauchen da schon die Hilfe von Erwachsenen.

Ansonsten überzeugt das Baukonzept durchwegs, gerade die Adapterplatten für herkömmliche LEGO-Teile und die Kompatibilität mit LEGO Technic sind ein absolutes Plus für Tinkerbots und so macht es auch Kindgebliebenen richtig Spass beim Bauen.

Schade jedoch ist, dass das Motormodul nicht im Aufnahmemodus funktioniert. Wird dieses verbaut, muss derzeit noch die App benutzt werden, was die möglichen Modelle leider drastisch einschränkt. Wünschenswert wäre hier beispielsweise die Laufrichtung des Motors durch eine einfache Drehung festzulegen, denn mehr wäre ja oftmals gar nicht notwendig. Schade auch, dass noch nicht die angepriesene Möglichkeit für eine Programmierung mittels Arduino-IDE veröffentlicht wurde. Das würde vieles, wenngleich vielleicht auch nicht für jüngere Kinder, vereinfachen. Denn auch Kinder unter sechs Jahren haben an Tinkerbots eine Menge Spass und Freude und können mit ihnen sehr schnell intuitiv umgehen und spielen. Mit Arduino-Support jedoch wird Tinkerbots einiges an Vielseitigkeit gewinnen. Schade auch, dass keine Windows-App bereitgestellt wird. Beim doch überschaubaren Funktionsumfang der App unter iOS und Android wäre das durchaus wenig Aufwand gewesen. Warum die App auch keine deutschsprachigen Meldungen ausgibt, bleibt unverständlich, schliesslich zielt Tinkerbots auf Kinder im Vorschulalter als Zielgruppe ab. Auch dass die App unter iOS und Android unterschiedlich weit fortgeschritten ist, trübt etwas den Gesamteindruck.

vg-wort
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Eine Antwort zu “Review: Tinkerbots im Test”

  1. Yves Jeanrenaud sagt:

    Kleines Update hierzu: Nachdem die Tinkerbot-Sets bisher nur im eigenen Online-Shop bestellt werden konnten, kommen sie in den kommenden Wochen in die Online- und Offline-Filialen von Jako-o, real und KaDeWe.

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