So. 31. August 2014 um 17:32

Review: LG G Watch im Test

von Barbara Walter-Jeanrenaud1 Kommentare

Die erste Smartwatch mit Android Wear – da erwartet man doch eine Menge, sollte aber vielleicht zugleich den noch sehr frühen Entwicklungsstand des Wearable-Betriebssystems im Hinterkopf haben. Einige Visionäre träumen heute schon von der James Bond Uhr, die das Smartphone ersetzt. Samsung, Pebble, Sony und Co. setzten zunächst auf eigene Betriebssysteme, bis dies nun zu Android Wear und damit zur LG G Watch führte. Diese Uhr liegt uns vor und wir haben uns das System und das Gerät über einen längeren Zeitraum einmal ganz genau angeschaut und können euch am Ende eine Entscheidungshilfe anbieten: Jetzt zuschlagen oder doch besser auf den Nachfolger, die LG G Watch R, warten?

LG G Watch

Inhaltsverzeichnis

  1. Verpackung, Verarbeitung, Haptik und Design
  2. Technische Daten
  3. Display
  4. Software und Performance
  5. Akku
  6. Fazit

1. Verpackung, Verarbeitung, Haptik und Design

Die LG G Watch kommt in einer stabilen kleinen Pappschachtel daher. Im Lieferumfang befinden sich die Uhr selbst, eine Ladeschale, ein Netzteil, ein USB zu Micro-USB Kabel und eine Kurzanleitung. Die Verarbeitung ist sehr gut, es konnten keinerlei Kratzer, Grate oder Spaltmasse festgestellt werden. Da keine Bedienknöpfe angebracht sind, kann auch keiner wackeln. Nichts knarzt und auch das Armband sitzt fest in seiner Vorrichtung.

Die Uhr selbst ist definitiv kein Meilenstein der Designgeschichte. Optisch erinnerte die Smartwatch sofort an eine dieser 90er Jahre Casio-Uhren mit Taschenrechnerfunktion. Sie ist viereckig, mutet mit den Abmessungen von 46.5 x 37.9 x 9.95 mm und 63 g ziemlich klobig an. Die Bezel der G Watch sind recht breit, fügen sich aber in das Gesamtbild ein. Die 63 g fühlen sich schwer an, man merkt stets, dass man die Uhr am Handgelenk trägt. Es verursacht zwar keinen Muskelkater, beeinträchtigte Alltagsaufgaben jedoch schon. Als Rechtshänderin, die ihre Uhren dennoch immer rechts trägt, waren Tätigkeiten wie Schreiben oder ähnliches nicht immer angenehm auszuführen und die Uhr kam einem oft vor, als sei sie „im Weg“.

Das Armband unseres schwarzen Modells mutet leider nicht besonders hochwertig an. Bei dem Preis von rund 240 SFr. bzw. 200 Euro erwartet man wirklich etwas anderes. Noch dazu zieht das Armband Gerüche magisch an und stinkt nach einem Abend im Lokal doch gewaltig nach Rauch. Zum Glück hat das Armband mit 22 mm Breite Standardmasse und kann somit einfach gegen ein gefälligeres Armband getauscht werden. Einen Pluspunkt muss man dem mitgelieferten Gummiarmband dennoch geben: Es ist in der Grössenanpassung sehr flexibel und kann sowohl an kräftigen Handgelenken, als auch an sehr dünnen Armen getragen werden, was bei vielen Armbändern in beiden Fällen eine Herausforderung sein kann.

Die Unterseite der Uhr besteht aus etwas rauerem Plastik und beherbergt fünf Metallpins für das Laden des eingebauten Akkus. Diese Pins hatten leider die Angewohnheit, dass sie sehr schnell korrodierten – bis zum Update Anfang August. Das Problem war der an den Kontakten anliegenden Dauerspannung geschuldet – mit technischen Details verschonen ich euch lieber – und konnte gelöst werden. Tatsächlich passierte es nach dem Update mit der Build-Nummer KMV78Y nicht mehr. Bei einigen Personen soll es sogar zu Hautreizungen durch die Dauerspannung an den Kontakten gekommen sein. Dies liess sich in unserem Test nicht feststellen. Des Weiteren befinden sich an der Unterseite vier winzige Schräubchen, um das Gerät zur Reparatur zu öffnen.

Ein Highlight ist die Ladevorrichtung. Diese ist besonders praktisch, wenn die G Watch am immer gleichen Ort geladen wird, auf dem Schreibtisch zum Beispiel. Sie hält gut an einer Stelle und dank sehr guter Magneten hält auch die Smartwatch auf der Vorrichtung gut fest und bleibt stets in Position.

2. Technische Daten

BetriebssystemAndroid Wear
KompatibilitätAndroid 4.3 und höher
Display1.65 Zoll LCD IPS (280×280 Pixel)
Chipsatz1.2 GHz Snapdragon 400 Prozessor
Speicher512 MB RAM, 4 GB interner Speicher
AkkuLi-Polymer 400 mAh
Masse37.9 x 46.5 x 9.95 mm, 63 g
Armband22 mm breit (wechselbar)
Bluetooth4.0 Sensor: 9-Axis (Gyroskop/Accelerometet/Kompass)
SonstigesIP67 wasser- und staubgeschützt

 

3. Display

Das 1.65 Zoll LCD IPS Display löst mit nur 280 x 280 Pixel auf. Das ist recht wenig und auch allgemein enttäuscht LG hier. Vom Luxusdisplay des LG G3 verwöhnt, bleibt die kleine Smartwatch auf der Strecke. Es ist bei direkter Sonneneinstrahlung nur sehr schlecht lesbar, die Blickwinkelstabilität ist maximal als durchschnittlich zu bezeichnen. Zudem ist das Display zwar in Räumen gut zu lesen, draussen fehlt es aber einfach an Helligkeit. Was ausserdem auffällt ist, dass es Fingerabdrücke und Schlieren magisch anzieht. Ausserdem spiegelt das Glas stark, was es bei ungünstigem Lichteinfall nochmals erschwert, die Anzeige zu lesen.

Eine Besonderheit des IPS-Displays ist Kombination mit der Funktion „Always On“ von Android Weat. Zwar leuchtet damit das Display nicht ständig und immer, zeigt aber zumindest die Uhrzeit an. Hebt man dann die Hand in Richtung Gesicht, so springt das Display komplett an und zeigt Schritte, Nachrichten etc., je nach Einstellung. Das Touchdisplay lässt sich sehr präzise bedienen und es reagiert schnell auf die verschiedenen Tipp- und Wischgesten, mit denen man zuverlässig und intuitiv durch das Menü und die Funktionen steuern kann.

4. Software und Performance

Bei Android Wear läuft viel mündlich ab. Ein „Ok Google“ reicht, um durch die Smartwatch und das verbundene Smartphone zu steuern. Das läuft auch relativ gut und lernt mit. Zu Anfang erhielt ich auf meinen Wunsch „Ralph anrufen“ noch leckere Rezepte für Rhabarberkuchen. Zu schade, dass die Saison bereits vorbei war. Nach einigen Tagen besserte sich die Erkennung und ich konnte tatsächlich per G Watch meinem Smartphone sagen, was es zu tun hat. Auch eingesprochene E-mails und SMS werden an sich gut verstanden und schriftlich anständig umgesetzt. Auch andere Apps lassen sich gut steuern. Es hat schon was, mit seinem Handgelenk zu sprechen und im nächsten Moment die Lieblingsmusik auf die Ohren zu bekommen.

Was zumindest im Strassenverkehr nicht besonders gut gelöst ist, ist die Navigationslösung. Dazu schaltet das Display einfach zu schnell in den Standby-Modus und es ist doch recht ungemütlich, ständig auf die Uhr zu schauen. Da muss man einiges verbessern. Zu Fuss unterwegs ist die Navigation einigermassen zu gebrauchen. Was auch nicht besonders überzeugen konnte, war der vorinstallierte Schrittzähler. Die G Watch ist kein ausgewiesenes Fitnessprodukt, dennoch könnte der Zähler besser sein. Im direkten Vergleich zu einem Fitbit Ultra am anderen Handgelenk wies die G Watch am Ende des Tages eines Negativ-Differenz von über 800 Schritten auf. Eine sehr interessante Beobachtung hierbei war, dass die Smartwatch beim Schieben eines Kinder- oder Einkaufwagens keine oder nur kaum Schritte zählt. Die Funktion mag also ein nettes Gimmick sein, wenn man sie gezielt zum Joggen trägt, für den Alltag ist dieser ungenaue Schrittzähler aber nicht als präzises Messinstrument geeignet.

Die Verbindung zum Smartphone ist stets schnell hergestellt und funktionierte im Test zuverlässig. Man kann sich vom Smartphone etwa neun Meter entfernen und sie ist nach wie vor da, im Test zeigte sich, dass spätestens bei einem Raumwechsel im Altbau die Verbindung abbricht. Nachrichten werden durch ein dezentes aber spürbares Vibrieren signalisiert und sehr zuverlässig angezeigt. Die Performance ist dank des starken Snapdragon 400 Prozessors hervorragend. Alle Funktionen werden prompt ausgeführt, im Test konnten keine Ruckler oder Abstürze beobachtet werden. Die bisher verfügbaren Apps sind noch überschaubar und spannend wird es natürlich, wenn hungrigere Apps für Android Wear auf den Markt kommen. Dies wird nach und nach der Fall sein, denn Android Wear hat absolut das Potential, etwas ganz Grosses zu werden, die G Watch ist hier nur der Anfang. Eine sehr coole Sache wäre es, wenn zum Beispiel Ingress auf der Smartwatch spielbar wäre. Android Wear ist ja noch jung und offen, es werden im Laufe der Zeit sicher noch sehr viele Apps dafür in den Store kommen.

5. Akku

Der Li-Polymer Akku bringt zwar sehr satte 400 mAh mit, kann im Test aber alles andere als überzeugen. Die G Watch muss definitiv nach spätestens 24 Stunden in die Ladeschale, daran führt kein Weg vorbei. Geschuldet ist dies sicherlich auch dem „Always On“ Display in der Standardeinstellung. Die Konkurrenz wartet mit wesentlich schwächeren Akkus auf: Zum Beispiel befindet sich in der Sony Smartwatch 2 ein 140 mAh Akku, in der ebenfalls mit Android Wear laufenden Samsung Gear Live einer mit 300 mAh. Dennoch kann die G Watch von LG keine besseren Akkulaufzeiten zu Stande bringen, viel zu schnell ist die Energie herausgesogen, was mitunter wirklich nervig ist. Es kann helfen, die „Always On“-Funktion abzuschalten, dann verbraucht sie minimal weniger Akku. Im Endeffekt kommt man auch damit über einen Tag und eine Nacht kaum hinaus, was wirklich sehr schade ist. Hier muss dringend softwareseitig nachgebessert werden! Es gibt vereinzelte Meldungen darüber, dass der Akku im Alltagsbetrieb drei Tage halten soll, allerdings konnten wir dies in unserem Langzeittest nicht reproduzieren. Auch ohne die G Watch ständig und immer zu beanspruchen, nur die wichtigsten Benachrichtigungen aktiv und mit Powersave Governor kamen wir nicht über maximal 34 Stunden hinaus, egal welcher Display-Modus eingestellt war. Den Stromsparmodus über die Einstellungen von Android Wear hinaus konfigurieren kann man übrigens mit der App WearControl for Android Wear. Diese ermöglicht es, Entwicklermodus vorausgesetzt, dem System mittels Governor eine Richtlinie vorzugeben und so die CPU zu drosseln, um Strom zu sparen, ohne Funktionalität einzubüssen.

6. Fazit

Das Fazit kann man mit einer Frage beginnen: Was ist die G Watch eigentlich? Sie ist kein Fitnessband, keine einfache Uhr. Sie ist gross, in der Optik sehr technisch und wenig elegant. Von den Funktionen her ist sie eine tolle Ergänzung zum Android-Smartphone und macht hierbei in Puncto Performance auch eine sehr gute Figur.

Die G Watch ist ein gut durchdachtes Gerät, dennoch muss man an einigen wichtigen Stellen Abstriche machen. So ist die Akkulaufzeit miserabel. Einmal am Tag aufzuladen, ist nahezu untragbar für eine Smartwatch – noch dazu, wenn sie über einen eigentlich so starken Akku verfügt. Das Display ist verbesserungswürdig. Dass LG Displays kann, wurde schon mehrfach unter Beweis gestellt. Wir werden sehen, ob beim Nachfolgemodell G Watch R nachgebessert wurde. Auch der sehr ungenaue Schrittzähler ist ärgerlich, das geht besser. Eine Smartwatch muss keinen haben – ist jedoch einer vorhanden, sollte er doch präziser funktionieren.

Aber – und dieses Aber gehört grossgeschrieben: Mit der G Watch kann das Potential von Android Wear eindeutig gesehen und angetestet werden. Und das ist phänomenal. Ich persönlich bin extrem gespannt auf die weitere Entwicklung, funktionieren tut das Betriebssystem sehr gut und die G Watch zeigt sich kompatibel und sehr, sehr performant. Hier liegt auch der Punkt: Für echte Technikfreaks, die in die Android Wear Welt eintauchen wollen und denen das Design liegt oder es ihnen schlicht nicht wichtig ist, wie hochwertig das Armband gestaltet ist, kann man durchaus eine Empfehlung aussprechen. Allen anderen würde ich raten, auf Nachfolgemodelle zu warten oder auf einen Preisfall zum Jahresende hin zu hoffen. Mit der G Watch R wurde vor einigen Tagen bereits eine elegantere, runde Smartwatch vorgestellt. Wir können es kaum erwarten, diese auch zu testen und sind gespannt, ob sie für den breiteren Markt interessant ist.

Mit der G Watch für 240 SFr bzw. 200 Euro bekommt man ein innovatives Stück Technik für’s Handgelenk. Man darf wirklich nicht vergessen, dass die Entwicklung von Android Wear noch recht frisch ist und die Hersteller sich noch mit ersten Gehversuchen in dem System zeigen. Daher muss man derzeit wohl leider noch mit ein paar „Kinderkrankheiten“ rechnen.

 

ProContra
PerformanceAkkuleistung
Sehr gute VerarbeitungsqualitätDesign, insbesondere das Armband, ausbaufähig
Android Wear zeigt sich als sehr gut ausgearbeitetes BetriebssystemDisplay zeigt vor allem draussen einige Schwächen
 Schrittzähler ungenau
vg-wort
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Eine Antwort zu “Review: LG G Watch im Test”

  1. Kompuffu sagt:

    Akku ?
    Also ich habe die G-Watch seit Anfang July. Meine Akku Laufzeit ist im Moment gut 3 Tage. Habe mein Display allerdings nicht auf immer On. Wenn einem das Armband stört (mich nicht) hat es den Vorteil das man es einfachst wechseln kann.

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