So. 20. September 2015 um 11:49

Review: BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition im Test

von Yves Jeanrenaud0 Kommentare

Ubuntu als Betriebssystem ist vielen ein Begriff. Auf dem Smartphone haben es die wenigsten schon genutzt, ganz einfach, weil kaum Geräte damit auf dem Markt sind. Um präzise zu sein, sind es derzeit genau drei. Das Betriebssystem geisterte lange schon durch das Netz und wurde bereits vor einiger Zeit angekündigt – eine Crowdfunding-Kampagne des Ubuntu-Produzenten Canonical scheiterte, wohl auch wegen des hochgesteckten Ziels von 32 Millionen US-Dollar. Das BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition kam im April auf den Markt und konnte deshalb von uns vor allem im Hinblick auf Ubuntu OS getestet werden.

Inhalt

Lieferumfang und Hardware

Im Lieferumfang des BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition sind neben dem Gerät selbst ein 1 A starkes USB-Netzteil und micro-USB-Kabel, ein Flyer zur Ubtunu Edition, zwei Schnellanleitungen in je vier verschiedenen Sprachen, ein Zubehörkatalog des Herstellers und Garantieinformationen in acht Sprachen enthalten.

Das Aquaris selbst 137 x 67 x 9 mm gross und wiegt 123 Gramm. Es ist Dual-SIM-fähig mit zwei Micro-SIM-Slots und hat ein 4.5 Zoll IPS Display mit einer geringen qHD-Auflösung (540 x 960 Pixel), was rechnerisch eine Pixeldichte von knapp 240 ppi ergibt. Das Display wird von Dragontrail Glass geschützt. Die 8 GB interner Speicher, von denen knapp 4.5 GB zur Verfügung stehen, können über einer micro-SD-Karte um bis zu 32 GB erweitert werden. Als Prozessor ist ein MediaTek MT6582M verbaut, der neben einer QuadCore Cortex A7 CPU mit 1.3 GHz-Takt sowie Mali 400 MP2 GPU vereint. Bluetooth 4.0 WLAN 802.11b/g/n sowie (A-)GPS und Mobilfunk per HSPA+ und GSM werden an Datenübertragungsstandards unterstützt. Hinzu kommen 1 GB RAM und eine Kamera, die Bilder mit 8 Megapixel, von einem Dual-LED-Blitz begleitet, knipst. Die Frontkamera liefert 5 MP-Bilder. Der nicht austauschbare Akku fasst 2’150 mAh. Weiter sind Sensoren für die Helligkeit, Näherung, Beschleunigung, ein Gyroskop und ein eKompass sowie eine mehrfarbige Benachrichtigungs-LED verbaut. Das Aquaris E4.5 ist ebenfalls als Android-Version mit identischer Ausstattung zu finden.

 

Das komplett in Schwarz gestaltete Gerät hat an der Unterseite einen USB-OTG-fähigen micro-USB-Anschluss sowie zwei Lochraster, hinter denen die Lautsprecher und Mikrofone versteckt sind. Linksseitig sind zwei Micro-SIM-Slots zu finden, die per mitgeliefertem Öffnungswerkzeug (oder einer verbogenen Büroklammer) ausgeworfen werden. Oben ist ein etwas knifflig zu öffnender microSD-Slot untergebracht sowie ein 3.5 mm Stereoklinkenanschluss. Rechts finden sich ein Ein/Aus-Schalter sowie eine Lautstärkenwippe. Vorne sind keine Hardwarebuttons verbaut, sondern das 4.5 Zoll IPS-Display. Darüber ist mittig der Lautsprecher zum Telefonieren verbaut, darunter die Notification LED hinter Glas. Links oben findet sich die Frontkamera.

Die rückseitige 8MP-Kamera ist in der linken, oberen Ecke zu finden und hat gleich drunter das LED-Doppel als Blitz dabei. Etwas versetzt daneben ist eine kleine Öffnung für ein Mikrofon, was für die Lärmunterdrückung beim Telefonieren benötigt wird. Im oberen Drittel der Rückseite prangt mittig der Schriftzug bq. Unten sind neben CE- und Serien-Nummer auch die Gerätebezeichnung Aquaris E4.5 Ubuntu Edition aufgedruckt.

Die Seiten sind von einem 2 mm Rand geprägt, der das Display vom Gehäuse absetzt, was etwas irritierend bei der Barrenform des nicht zu öffnenden Aquaris ist.

Die Kameras des Aquaris E4.5 Ubuntu Edition von BQ nicht sehr gut, aber gerade noch in Ordnung. Die 8 MP-Kamera macht bei guten Lichtverhältnissen akzeptable Bilder, die 5 MP Selfiecam ist, wie zu erwarten, nur bei gutem Licht zu gebrauchen. Videos werden mit 1080p-Auflösung und 18 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet. Soweit passabel.

Software – Ubuntu Touch im Alltag

Kommen wir ans Eingemachte: Ubuntu OS.

Erst einmal muss man sich umgewöhnen. Ähnlich wie bei Sailfish OS werden keine Tasten, ob Hardware- oder Software-basiert, für die Navigation genutzt, sondern Gesten. Ein Wischen von oben nach unten öffnet ein Info-Center, wie es von vielen mobilen Betriebssystemen bekannt ist. Es beinhaltet viele Einstellungsmöglichkeiten, Informationen und jeweils die Verknüpfungen zu den Einstellungseiten des Betriebssystems.

Ein Wischen vom linken Bildschirmrand nach rechts öffnet eine Seitenleiste, in der die wichtigsten bzw. zuletzt benutzen Apps und Funktionen abgelegt werden. Diese Leiste kann man selbst definieren und gestalten. Wischt man von unten nach oben, öffnet sich der Verwalten-Schirm, bei dem die Scopes, dazu später mehr, konfiguriert werden können. Ein Wisch vom rechten Rand nach links öffnet den Task-Manager, der alle offenen Apps in Schrägansicht darstellt, wobei diese durch ein Hochschieben geschlossen werden können.

Der Sperrbildschirm hingegen beinhaltet die aktuelle Uhrzeit und das Datum sowie einen Kreis, in dem die neuesten Benachrichtigungen gezählt werden. Weiter anders als bei anderen mobilen Betriebssystem ist, dass es unter Ubuntu Scopes gibt, eine Art Schnellstartfenster, in denen Apps oder das Betriebssystem Informationen ausgeben und so konzentriert anzeigen. Man arbeitet also nicht mit einzelnen Apps, sondern bevorzugt mit Scopes. Musik etwa beinhaltet nicht nur lokal gespeicherte Musikdateien, sondern auch Ergebnisse aus Quellen wie SoundCloud, Songkick und YouTube. Es gibt allerdings auch einen Scope namens Anwendungen, der alle verfügbaren Apps beinhaltet und sich so nicht viel von Windows Phone, iOS oder Android, aber auch Sailfish OS oder Firefox OS unterscheidet.

Apps im Ubuntu Store sind vergleichsweise wenig vorhanden. 1962 Apps und Scopes liefert der inoffizielle Store Browser uappexplorer im Web, wobei die meisten davon Web Apps sind, also quasi mobile Webseiten für Touch-Bedienung optimiert. Nur wenige native Apps und noch weniger zusätzliche Scopes sind verfügbar, dafür ist der überwiegende Teil im Ubuntu Store gratis.

Unter den Anwendungen für Ubuntu for Phones, auch als Ubuntu Touch gehandelt, sind etwa das Spiel Cut the Rope und die Nachrichten-App Telegram zu finden. Vieles ist nur über eine inoffizielle App verfügbar, der Facebook Messenger-Dienst oder Skype etwa. Whatsapp und Threema hingegen fehlen bisher noch gänzlich. Der Hersteller Canonical hat für Ubuntu die Webapps für Facebook, Google+, Gmail, Google Maps und Kalender, Twitter, Amazon und eBay geliefert. Es wird aber deutlich, dass hier die Community noch viel Arbeit vor sich hat.

Toll hingegen ist, dass Dienste wie Twitter, Facebook oder Flickr und Fitbit direkt in Scopes eingebunden und angezeigt werden können. Es können auch eine Menge Konten, von Evernote bis Instagram, direkt im System eingebunden werden. Übrigens kann nahezu alles auch sehr komfortabel im Querformat genutzt werden. Gut gelöst ist hier das Info-Center, welches nur einen halben Bildschirm füllt und so den Inhalt nicht ganz verdeckt.

Wird das Ubuntu Phone per USB-Kabel mit einem Rechner verbunden, lädt es nicht nur auf, sondern meldet sich als Mediengerät an und gibt so die Ordner Documents, Downloads, Music, Pictures und Videos frei. Ebenfalls kann man per Entwicklermodus, welcher in den Einstellungen freigeschaltet werden kann, auf diverse Bereiche auch per remote shell zugreifen.

 

Das ganze System funktioniert passabel, sobald man sich etwas eingewöhnt hat. Ab und zu ruckelt es etwas und die Apps laden nicht gerade blitzschnell, was wohl auch auf die betagte und schmale Hardware, schliesslich ist der MediaTek SoC vom Januar 2014 und hat nur 1 GB RAM dabei, zurückzuführen ist. Die Scopes machen Sinn, sobald man sich damit beschäftigt hat und wirken gut durchdacht. Nett übrigens der direkte Zugriff auf die Linux-Plattform hinter dem Touch-Interface mittels Terminal App.

Der Akku hingegen ist ein Pluspunkt für das Gerät und hält gut für einen ganzen Tag mit regelmässiger Benutzung durch, bei wenig Benutzung, deaktiviertem WLAN, Bluetooth und GPS ist auch gut mal zwei Tage keine USB-Steckdose nötig.

Preis

Das BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition ist beim Hersteller BQ mit 169,90 Euro ausgezeichnet (zzgl. 20,- Euro Versand, aber nicht in die Schweiz) und bei Amazon für 187,45 Euro im Angebot.

Fazit

Insofern, als dass die Hardware nicht gerade potent ist und immer mal wieder Verzögerungen und Ruckler zu sehen sind, macht es nicht gerade Spass, das exotische Betriebssystem Ubuntu auf dem Smartphone auszuprobieren. Die Kameras sind einfach zu schlecht für heutige Ansprüche, auch wenn man diese tief stellt. Für den Preis sind deutlich besser ausgestattete Einstiegs- und Mittelklasse-Geräte mit Windows Phone 8 oder Android zu bekommen, so dass diese Ubuntu Edition des BQ Aquaris E4.5 wohl wirklich nur etwas für Fans der Linux-Distribution und Early Adopters bleiben wird. Schade, denn das Betriebssystem hätte Potential, für Veränderung im Markt zu sorgen, sobald der App Store eine kritische Grösse erreicht bzw. die Apps, die nachgefragt werden, bieten kann, was zugegebenermassen auch bei kleinen App-Zahlen machbar wäre.

So gesehen ist allen, die mit einem der derzeit noch immer lediglich drei Ubuntu Phones liebäugeln, zu  empfehlen, sich vor dem Kauf den Store Explorer anzusehen, ob das Gerät auch die Anwendungen bieten würde, die man erwartet oder für unverzichtbar für sich hält.

Für 30 Euro mehr bekommt man jedoch das 5 Zoll messende BQ Aquaris E5 HD Ubuntu Edition mit 16 GB internem Speicher und 13 MP Kamera bei sonst identischer Hardwareausstattung.

vg-wort
Das könnte Sie auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Teilen