Fr. 22. Juli 2016 um 18:12

One’s Two Cents: „Stirbt Pokémon GO in Zukunft den Kommerzialisierungstod?“

von Marcel Laser2 Kommentare

Japan ist nicht nur das Heimatland von Nintendo sondern dadurch auch das von Pokémon. Kein Wunder also, dass der Start des Spiels dort ganz besonders heiss erwartet wurde und dieser ist mit dem 22. Juli auch endlich eingetroffen. Doch mit dem Release in Nippon beginnt zudem ein weiteres, vielleicht recht unschönes Kapitel des Spiels: Die Kommerzialisierung von Pokémon GO ist in vollem Gange und Japan ist nur der Anfang.

PokéStops im Wert von Milliarden US-Dollar? McDonald’s schliesst Megadeal ab

„Lass uns mal was essen gehen! Am Mägges am Bahnhof gibt’s drei PokéStops, wo wir Lockmodule einsetzen können und nebenbei ziehen wir uns ’nen Burger rein.“ So oder eben so ähnlich wird sich das wohl in Japan anhören, nachdem McDonald’s mit Niantic und Nintendo den Megadeal in die Wege leitete. 2’900 Fastfood-Filialen der Kette werden zu besonderen Orten im Spiel registriert. 400 davon werden zu Arenen und die übrigen 2’400 Einrichtungen zu PokéStops. Was der Deal McDonald’s nun wirklich gekostet hat, weiss man derzeit nicht genau, aber klein wird der Betrag wohl nicht gewesen sein. An der Börse machte sich die Bekanntgabe des Deals über das japanische Wirtschaftsmagazin Nikkei gleich bemerkbar, denn die Aktien der Fastfoodkette schiessen derzeit, genau wie die von Nintendo, durch die Decke. Der Andrang auf die Filialen wird enorm sein und damit wahrscheinlich auch der Umsatz.

 

Dabei wird man die Spieler_innen in einen Teufelskreis aus Lockmodulen und PokéStops locken können, was bei der Namensgebung des Ingame-Items „Lockmoduls“ zu einem nahezu zynischem Geniestreich wird. Denn diese locken nicht nur viele Pokémon in der Umgebung zu dem PokéStop, an dem dieses eingesetzt wird, sondern werden dementsprechend auch andere Pokémon-Trainer_innen darauf aufmerksam, die von dem Modul profitieren wollen. Auch ich habe in meinem Artikel über „Drei Wochen Pokémon GO“ bereits darüber geschrieben, dass diese Module an gut gewählten Plätzen tatsächlich viele Menschen zusammenholt. Sind diese Orte dauerhaft mit diesen Items ausgestattet, wird es schnell voll.

 

Aus „gotta catch ‚em all“ wird am Ende eher für alle Teilnehmer_innen ein „gotta quetsch ‚em all“ und zwar wird hier am Ende auf recht brillante Weise das Geld aus den Taschen gezogen, denn es ist recht wahrscheinlich, dass die meisten in den 30 Minuten, die ein Lockmodul aktiv ist, auch ins Restaurant gehen, um sich was zu Essen oder zu Trinken zu holen. Dabei müssen das nicht einmal grosse Beträge von ganzen Menüs sein, denn auch auch kleinere Beträge machen Gewinn bei McDonald’s. Die Masse der Menschen macht es am Ende einfach aus. Ich gehe auch ganz stark davon aus, dass wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte und das Modul im PokéStop ausläuft und niemand an einer Erneuerung interessiert ist, sich das Personal des gelben M da selber darum kümmern sollte.

 

Der Teufelskreis hört allerdings da nicht auf. Die Lockmodule sind nur extrem begrenzt verfügbar und man bekommt nur sehr wenige Exemplare bei einem Levelaufstieg und das auch noch verdammt selten. Natürlich können alle für PokéCoins weitere Lockmodule kaufen. Ein einziges Modul kostet im Shop 100 PokéCoins, was wiederum rund einem Euro bzw. einem Schweizer Franken entspricht. Wer gleich acht Stück in einem „Vorteilspack“ kauft, zahlt rund 680 PokéCoins, also 7 Euro bzw. SFr. Es profitiert also nicht nur McDonald’s, sondern auch Nintendo und Niantic monetär von dem Deal.

Pokémon GO PokéStops
Alles voller PokéStops und bald kommen vielleicht noch viele Restaurants und Geschäfte hinzu.

Analysen sagen Milliarden-Umsatz auch für Apple und Google voraus

Aber nicht nur Niantic, Nintendo und deren neue Partner für PokéStop-Deals profitieren von dem Geschäftsmodell. Wie nun aus ersten Berechnungen und Analysen hervorgeht werden sowohl Google als auch Apple ein Umsatz von über 3 Milliarden US-Dollar vorausgesagt und das bereits in den nächsten zwei Jahren – und das nur dank Pokémon GO. Schliesslich behalten beide Unternehmen einen Teil der Kosten der InApp-Käufe für sich, wenn also PokéCoins gekauft werden, um Lockmodule zu erstehen. Natürlich ist das eine recht frühe Schätzung und diese basiert auf den bisher bekannten vagen Zahlen, doch muss man an dieser Stelle davon ausgehen, dass diese gar nicht mal so unrealisisch sind. Als Beispiel nahm man hierfür nämlich ein ebenfalls sehr erfolgreiches Spiel, dass den beiden Konzernen enorme Umsätze aus InApp-Käufen bescherte: Candy Crush.

Beispiel Candy Crush

Candy Crush selbst spielte in den Jahren 2013 und 2014 jeweils knapp über eine Milliarde US-Dollar ein. Nimmt man die frühen Zahlen des berühmten Knobelspiels im Vergleich zu den bisherigen Informationen über Pokémon GO, dann sind die Einnamen des Candy Crush-Machers sogar noch Peanuts. Denn Pokémon GO bewegt sich bereits in den ersten drei Wochen auf einem Gewinnfaktor zehn gegenüber dem damals so erfolgreichen Candy Crush-Spiel. Das sind für ein Free2Play-Spiel schon nahezu unvorstellbare Summen und wenn wir uns den Megadeal von McDonald’s vor Augen halten und bereits jetzt sehen, wie viele Parteien hier profitieren, wird diese Zahl noch enorm steigen.

Pokémon GO inApp-Käufe
Die Liste für InApp-Käufe aus dem deutschen Apple App-Store. Bereits nach drei Stunden nach Release ist Pokémon GO als umsatzstärkste App im Store gelistet.

Japan ist der Anfang und die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt

McDonald’s ist also der erste Schritt, welcher nun in Japan gemacht wurde und man kann definitiv davon ausgehen, dass es sich auf die ganze Welt in den unterschiedlichsten Geschäftsbereichen ausdehnen wird. Es können weitere Restaurants sein oder sogar ganze Urlaubsorte, die sich mit PokéStops ausstatten lassen, an denen es besondere Vorteile gibt. Schon jetzt gibt es einige Pokémon, die es auf anderen Kontinenten nicht gibt, wie zum Beispiel das Stier-ähnliche Wesen Taurus, welches ihr nur in den USA fangen könnt. Warum sollten also nicht auch andere Pokémon an noch spezielleren und kleineren Orten zu finden sein? Schliesslich sind von den bisher bekannten 750 Monstern nur die ersten 150 (oder 151?) im Spiel integriert und natürlich werden per Update auch sicher die übrigen Monster nachgeliefert – wenn nicht mehr. Vielleicht kommt auch ein spezielles McDonald’s-Monster hinzu? Vielleicht ein wenig sarkastisch, aber so läuft der Monetarisierungs-Hase doch? Wer weiss…

 

Ein weiterer Faktor werden die weltweiten Events sein, über die Niantic CEO John Hanke offen sprach. In Ingress, dem geistigen Vorgänger von Pokémon GO, gab es auch weltweite Ereignisse. So wurden sogenannte Anomalien in einigen Grossstädten der Welt ausgelöst, zu denen Spieler_innen vom ganzen Globus aus anreisten um genau dort an diesen Events teilzunehmen. Die legendären Pokémon wie Mewtu, Zapdos, Arktos oder Lavados sind zwar im Quellcode des Spiels enthalten, können aber noch nicht gefangen werden. Gut möglich, dass Niantic diese mit speziellen Events einführen wird, die an ganz bestimmten Orten der Welt stattfinden. Vermutlich werden nicht gerade wenige ambitionierte Trainer_innen auf der ganzen Welt zu diesen Events reisen wollen, um ebenfalls die Chance auf die legendären Monster zu bekommen.

In Ingress gab es weltweite Anomalie-Events. Ähnliche Ereignisse soll es auch in Pokémon GO bald geben.

Schattenseiten: Wie viel Pokémon GO bleibt am Ende noch übrig?

Daher stelle ich mir persönlich ganz bewusst die Frage: Wie viel vom Kern des Spiels wird die Kommerzialisierungsphase von Pokémon GO überleben? Wenn wir mal ehrlich sind bietet das Spiel nicht viel. Ihr könnt Pokémon fangen, in Arenen kämpfen und die Monster entwickeln. Das war’s aber auch. Das ist Pokémon GO, ein modernes Sammelkartenspiel in der grösstmöglichen Beschneidung, aber mit einem enormen Suchtfaktor, der fast schon allein nur durch das Sammeln getragen wird. Viel Kern ist da nicht und man kommt ins Grübeln, wenn diese Deals, wie er nun mit McDonald’s in Japan auf dem Tisch liegen. Ist Pokémon GO einfach nur die grösste Werbeanzeige der Welt? So wie die Fernsehserie für das Merchandise von Nintendo? Und die App ist potentiell eine Werbung, die ein nahezu unbegrenztes Publikum erreicht. Eine Alterseinschränkung gibt es für das Spiel nicht. Die Zielgruppe ist also enorm gross.

 

Ich bin generell gespannt, was die Entwicklung des Spiels an geht. Die Macher_innen rund um Niantic versprechen aber auch viele neue Features, die das eigentliche Kernerlebnis den richtigen Spielen anpassen sollen. So will man bald auch das Tauschen von Taschenmonstern unter den Spieler_innen erlauben, was eines der wesentlichen Elemente des Spielprinzips der ganzen Spielreihe ausmachte.

 

Aber es wird nicht nur beim Hinzufügen der Features bleiben. Es werden weitere Megadeals folgen, die das Geld in die Kassen aller Parteien spülen und das mit einer wohl enorm hohen Wirkung. Ob das Spiel die Kommerzialisierung am Ende tatsächlich überlebt und wie viel Spiel am Ende noch übrig bleibt, werden wir wohl erst in der Zukunft erfahren.

vg-wort
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2 Antworten zu “One’s Two Cents: „Stirbt Pokémon GO in Zukunft den Kommerzialisierungstod?“”

  1. Gareas sagt:

    Für mich stellt sich eher die Frage wie lange das Spiel noch aktuell sein wird. Der Hype ist momentan enorm aber ich gebe dem ganzen weniger als ein Jahr dann interessiert sich niemand mehr dafür. In dieser Zeit muss Niantic/Nintendo halt so viel Kohle wie möglich abgreifen und das scheint ja auch zu klappen.

  2. Bunsenbrenner sagt:

    Ich denke schon, dass sich das Spiel halten könnte… Pokémon ist Pokémon. Niantic muss eben was dafür tun und das Spiel immer weiter mit neuen Features ausbauen. Wie ich im Artikel (danke dafür übrigens! wirklich interessant :)) gelesen habe, sollen ja noch die anderen Monster aus anderen Editionen hinzukommen. Somit werden doch immer wieder neue Anreize geschafft um die Spieler bei Laune zu halten.

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