Fr. 23. Januar 2015 um 19:39

Gastbeitrag: „App-Lokalisierung, aber richtig“

von Gastbeitrag1 Kommentare

App-Lokalisierung, aber richtig

Eine erfolgreiche App kann noch erfolgreicher sein, wenn sie von mehr Anwendern benutzt wird. Um neue, anderssprachige Anwender und damit auch Märkte zu erobern, sollte die App allerdings auch auf genau diese Zielgruppe zugeschnitten werden. Die rein sprachliche Übersetzung ist dabei nur ein kleiner Teil des gesamten Prozesses, den eine solche App-Lokalisierung ausmacht.

 

Der Lokalisierungsprozess lässt sich grob in die typische Dreigliederung Planung – Durchführung – Kontrolle aufteilen. Innerhalb dieser Projektphasen gibt es jedoch etliche Details zu beachten, die über den Erfolg oder Misserfolg des Ergebnisses entscheiden.

 

Gründliche Planung entscheidet über den multinationalen Erfolg der App

Sofern sich die App selbst noch in der Entwicklung befindet, sollten Sie sich bereits im Vorfeld eine künftige Lokalisierung vorbehalten und entsprechende Aspekte in die Gestaltung und Programmierung mit einfliessen lassen.

 

Damit ersparen Sie sich später eine Menge Zeit, Arbeit und Mühen, denn im schlimmsten Fall müssen Sie sonst die Originalversion modifizieren, um Lokalisierungen vornehmen zu können.

 

Folgende Aspekte sollten Sie berücksichtigen:

  • Zeichenketten: Sammeln Sie alle Zeichenketten einschliesslich der Fehlermeldungen in einer separaten Datei, optimal einer Tabelle oder einer Datenbank. So können Sie später diese Datei an Ihre jeweiligen Übersetzer weitergeben und erhalten eine zweckdienliche Liste der Übersetzungen in der entsprechenden Sprache zurück. Achten Sie auch auf den Unicode-Standard.
  • Kommentare: Ergänzen Sie die Zeichenketten-Liste mit Kommentaren, damit Ihre Übersetzer genau erkennen, was gemeint ist. Bedenken Sie, dass durch die Liste der Zusammenhang der Zeichenketten meist verloren geht. Optimal erhalten die Übersetzer eine Originalversion der App, damit sie die Zeichenketten im jeweiligen Zusammenhang nachvollziehen können.
  • Grafiken: Vermeiden Sie nach Möglichkeit Textinformationen in Grafiken. Erstens erschwert dies die Übersetzung, zweitens müssen diese Bilder jeweils überarbeitet und in die App eingepflegt werden.
  • Bedienoberfläche: Bei der Bedienoberfläche (User Interface; UI) einschliesslich der Eingabemasken und Schaltflächen sollten Sie ebenfalls bereits im Vorfeld bedenken, dass es zu Verschiebungen im Layout kommen kann. Kopieren ist länger als Copy, Imprimer ist länger als Drucken. In der Alpha-Phase können Sie Pseudo-Übersetzungen verwenden.
  • Ressourcen: Stellen Sie sicher, dass die App von Anfang an für mehrsprachige Ressourcen-Dateien angelegt wird, auch wenn es anfangs nur eine deutschsprachige Ressourcen-Datei gibt.

Liegt dagegen bereits eine fertige App vor, überarbeiten Sie diese gegebenenfalls im Hinblick auf die oben genannten Punkte.

 

Gefunden werden hilft, den Bedarf zu testen

Kaum ein englischsprachiger Anwender wird beispielsweise nach einer App Krankenhausfinder suchen. Er sucht in den Shops und Download-Portalen nach Apps in seiner Sprache und verwendet dabei auch entsprechende Suchbegriffe, etwa hospital oder emergency. Deshalb sollten Sie frühzeitig und bereits im Vorfeld der Lokalisierung die Beschreibung Ihrer (noch deutschsprachigen) App überarbeiten. Dies betrifft insbesondere

  • Titel
  • Beschreibung
  • Suchbegriffe

Diese Ergänzungen haben noch einen schönen Nebeneffekt: Sie können bereits früh erkennen, ob ein entsprechender Bedarf vorhanden ist. Anhand der Download-Statistiken lässt sich möglicherweise sogar eine Prioritätenliste für bestimmte Zielsprachen erstellen.

 

An alles denken: Lokalisierung statt Übersetzung

Die eigentliche Lokalisierung muss alle sprachspezifischen und sprachrelevanten Elemente berücksichtigen und beinhaltet wesentlich mehr als nur die einfache Übersetzung der Texte.

 

Die Übersetzung der Sprachelemente betrifft unter anderem und je nach App folgende Bestandteile:

  • die zuvor isolierten Zeichenketten
  • die Hilfedateien und Dokumentationen
  • die Policies, also Nutzungsbedingungen, Datenschutzerklärungen, Allgemeine Geschäftsbedingungen etc
  • die Lizenzvereinbarungen
  • Push-Meldungen

Media-Elemente wie Grafiken, Bilder, Videos und Sprachausgaben müssen ebenfalls an das Zielland angepasst werden. Bei den Videos und Voice-overs wäre auch zu berücksichtigen, dass für den britischen Markt ein britischer Akzent verwendet wird, während im US-Raum ein amerikanischer Akzent erwartet wird. Der beliebte "Daumen hoch” wird in Australien als nicht besonders nette Geste angesehen.

 

Überprüfen Sie unbedingt, ob alle Währungssymbole, Datums- und Zeitformatierungen und Zahlenformate korrekt lokalisiert sind. Sofern in Videos oder Grafiken handgeschriebene Schrift- und Zahlenzeichen verwendet werden, etwa in Beispiel Whiteboard-Videos, müssen gegebenenfalls auch lokal unterschiedliche Schreibweisen berücksichtigt werden, etwa für die 1, 7, 0 oder das grosse I. Gegebenenfalls sind auch Masseinheiten (Fahrenheit statt Celsius, miles statt Kilometer, cups und spoons in Rezepten) an die lokalen Gepflogenheiten anzupassen, einschliesslich der Umrechnungen.

 

Auch das App-Icon muss auf eine erforderliche Lokalisierung im Hinblick auf Text- oder Bildelemente überprüft werden.

 

Farben können ebenfalls Bestandteil der Lokalisierung sein. Während in unseren Breitengraden Weiss mit Reinheit in Verbindung gebracht wird, symbolisiert diese Farbe in China Tod und Trauer. Eine schöne Übersicht hierzu finden Sie auf http://www.farbenundleben.de/kultur/kulturen_farbbebeutungen.htm.

 

User Test: Auf der Suche nach den Bugs

Für das Testen der App (hier insbesondere im Hinblick auf die Lokalisierung) haben sich unterschiedliche Modelle bewährt, die teils auch kombiniert eingesetzt werden:

  • Geschlossene Testgruppe: Einige oder auch viele von Ihnen ausgewählte Native Language-Tester prüfen das Aussehen und Verhalten der App, möglichst nach festen Vorgaben, und melden Ihnen die Fehler direkt.
  • Öffentlicher Test: Die App wird öffentlich als Betaversion bereitgestellt. Dadurch streuen Sie die Zahl der Tester und erhalten möglicherweise weniger strukturiertes Feedback. Dafür haben Sie aber die Sicherheit, dass genau diejenigen die App testen, die auch Ihre Zielgruppe darstellen. Da die App auf vielen verschiedenen Geräteumgebungen zum Einsatz kommt, lassen sich spätere böse Überraschungen (und verärgerte Anwender) vermeiden. Ausserdem erzeugen Sie so virale Effekte und erste Kundenbindungen.

Zumindest intern sollten Sie auf jeden Fall eine klare Vorstellung davon haben, was in den Tests überprüft werden muss:

  • Sprache: Alle Texte, Symbole und Formatierungen müssen stimmen und an der richtigen Stelle sitzen (€ hinten, US-$ vorne; Tausenderkomma im angloamerikanischen statt Tausenderpunkt)
  • Bedienoberfläche: Die UI muss optisch "stimmen”, es darf keine abgeschnittenen Texte oder hässliche Zerstörungen des Bildaufbaus geben. Die UI muss auch für den Markt stimmen (Beispiel: Schreibrichtung).
  • Funktionalität: Die App muss auch mit den Lokalisierungen ordnungsgemäss funktionieren.
  • Bedienbarkeit: Die Anwender des neuen Zielmarktes müssen die Bedienung der App (möglichst intuitiv) verstehen.

All dies ist letztlich kaum durch Übersetzungs-Maschinen, Fremdsprachen-interessierte Laien oder 1:1-Übersetzer fehlerfrei zu realisieren. Es empfiehlt sich deshalb, bereits frühzeitig eine professionelle Lokalisierungs-Agentur mit ins Boot zu nehmen, die auch mit einer Übersetzungsmanagement-Software arbeitet. So können Sie auch auf Dauer konsistente Übersetzungen sicherstellen. Nichts ist für einen Anwender ärgerlicher, als wenn sich die Bezeichnungen der Menüfunktionen mit jeder neuen Programmversion ändern.

 

Freigabe: To your massive success

Ist alles fehlerfrei und zur Zufriedenheit, ist der Zeitpunkt der Freigabe gekommen.

 

Doch damit ist es nicht getan – denken Sie an weitere Lokalisierungen, und bleiben Sie auch am Ball, wenn Fehler, Änderungswünsche oder Vorschläge an Sie herangetragen werden. Eine Lokalisierung ist ein nie endender Prozess. Denken Sie auch daran, Support in den Zielsprachen anzubieten (E-Mail, Webseite, FAQ, Anwenderforum).

 

 

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Über die Autorin: Ljubica Negovec ist die Gründerin und Geschäftsführerin des Übersetzungsbüros Allesprachen aus Graz mit Zweigstelle in Wien. Folgen Sie Allesprachen auch bei Facebook.

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Eine Antwort zu “Gastbeitrag: „App-Lokalisierung, aber richtig“”

  1. HannesB sagt:

    Als Ergänzung zum guten Artikel: MS bietet für Lokalisierung das sog. „Multilingual App Toolkit“, welches vorhandenen Resource Files (von Visual Studio) in das genormte .xlf Format übersetzt. (und beim Build Vorgang wieder zurück)
    Diese .xlf Datei kann man dann recht einfach weitergeben und der Übersetzer benötigt natürlich keine Entwicklungsumgebung sondern nur das kostenlose Multilingual App Toolkit zum bearbeiten bzw. zur eigentlichen Übersetzung.
    Eine „Vorübersetzung“ kann hier für die meisten Sprachen auch via Bing Translate erfolgen. Ich selbst habe das Toolkit im Einsatz und konnte mit Hilfe von Anwendern, welche mir bei der Übersetzung helfen, meine Apps in verschiedenen Sprachen anbieten.

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