Di. 13. Januar 2015 um 18:37

One’s Two Cents: „Apple? You’re coding it wrong!“

von Marcel Laser3 Kommentare

Ein Spruch, den die Szene wohl niemals vergessen wird. Er ist genauso abstrus wie mittlerweile legendär und konnte einfach nur dem Mann über die Lippen kommen, der Smartphones mit dem ersten iPhone überhaupt erst massenmarkttauglich machte: Steve Jobs sagte zum #antennagate beim iPhone 4 damals „You’re holding it wrong!“, was so viel heissen sollte, als dass die von dem Bug Betroffenen schlicht ihr Gerät falsch in den Händen hielten. Wenn ihr also Empfang haben wolltet, durftet ihr die Antennentrenner mit euren Händen nicht verdecken, was zu dem Zeitpunkt für viele Rechtshänder eine Herausforderung darstellte und erst mit dem iPhone 4S eine gute Lösung fand.

 

Mittlerweile kranken Apples Geräte allerdings weniger an Hardware-Fehlern – und ja, ich halte #bendgate für ein Hirngespinst, ausgelöst durch Apples eigene starke Medienwirksamkeit – sondern die Software macht dem System deutlich mehr zu schaffen. iOS 8 ist mittlerweile schon öfter in höchster Not geflickt worden und in meinen Augen das eigentliche Problem. In einer früheren Kolumne Mitte des Jahres 2014 berichtete ich über die Veränderungen des mobilen Mac OS X und dass diese Veränderungen einen positiven Einfluss auf das Unternehmen Apple haben. Nicht nur, weil Tim Cook jetzt am längeren Hebel sitzt und deutlich weltoffener zu Werke geht als sein Vorgänger. Doch gehen mit iOS 8 auch völlig neue Probleme einher, welche sich erst nach längerer Einsatzzeit zeigen, mit denen Apple bisher so nicht konfrontiert war. Das System verzweifelt stellenweise an schweren Bugs und Absturzproblemen und immer wieder muss ein kurzfristiges Update herhalten, was in der Vergangenheit auch nicht immer reibungslos funktionierte.

iOS 8 ist deutlich offener, aber auch deutlich anfälliger für Störungen

So geschlossen, wie iOS 8 im Gegensatz zu Android noch ist, so offen ist es mittlerweile auch. Wer hier einen Widerspruch liest, muss sich einmal mehr mit der Vergangenheit von Apple zu Zeiten des grossen Mentors auseinandersetzen. Früher durften nicht einmal Apps untereinander kommunizieren, es gab keine Drittanbieter-Tastaturen und bis zu iOS 3 waren die Einstellungen des damals noch iPhone OS genannten Betriebssystem eher rudimentär. Mittlerweile ist iOS 8 in seiner neuesten Version in den Einstellungen extrem unübersichtlich. Vieles kann bis in die kleinste Nische eingestellt werden, egal ob Zugriffe von Apps untereinander, das Definieren von Standorten für jedes einzelne Programm oder vergleichbare Dinge. Der starke Wandel, welcher bereits mit iOS 6 seinen Anfang nahm, in iOS 7 durch das Design untermauert und mit iOS 8 nun seinen Höhepunkt findet, hat dem System aber nicht nur gut getan.

 

Mein iPad habe ich fast Tag und Nacht bei mir. Nicht nur privat, sondern auch im Job ist es ein ständiger Begleiter geworden. Egal ob als mobile Spielekonsole zum Ausspannen im Hotel, als Arbeitsmaschine mit Bluetooth-Tastatur auf Messen oder als Video-Encoder für unseren YouTube Channel, was seit dem Apple A7 Prozessor teilweise um den Faktor zehn beschleunigt wurde. Bei intensiver Nutzung fallen einem allerdings die Probleme schon deutlicher auf, als jemandem, der Medien und Inhalte nur beiläufig konsumiert. Mein Systemlog in iOS 8 ist mittlerweile mit Absturzmeldungen überschwemmt. Aber warum ist das so?

 

Es vergeht derzeit kein Tag, an dem sich nicht mindestens eine App per „forced Close“ (gezwungene Beendung) schliesst, weil irgendwas im Hintergrund schief gelaufen ist. Alleine FIFA 15 Ultimate Team verabschiedet sich bei mir mehrmals am Tag. Besonders ärgerlich ist dies, wenn es direkt nach gewonnen Spielen auftritt. Der native eMail-Client liess sich in der ersten Version von iOS 8 über das Markieren aller Nachrichten im Posteingang noch reproduzierbar abschiessen. Mobile Safari kann bei starker Nutzung ebenfalls kurzfristig das Zeitliche segnen, was allerdings stark von den geöffneten Seiten und der verwendeten JavaScript-Techniken abhängt. iCloud hatte zwischenzeitlich arge Probleme, was die Synchronisation von Daten betraf, vornehmlich Fotos.

WWDC 2014 Apple iOS 8
WWDC 2014: Apple stellt iOS 8 mit vielen neuen Features und die Programmiersprache Swift vor.

Nach Steve Jobs, nun wir: „Apple? You’re coding it wrong!“

Apples mobiles Betriebssystem stand vor einigen Jahren noch für ein stabiles und extrem schnelles System. Um ehrlich zu sein, ist das selbst heute noch so, vor allem was die Geschwindigkeit angeht. Doch ist es in Zeiten des iPhone 6 und iPhone 6 Plus, die vor allem versuchen, auch Kundschaft anderer Systeme anzulocken, was derzeit wohl auch zu gelingen scheint, ein denkbar schlechter Zeitpunkt sich so „hängen zu lassen“. Dabei trägt nicht einmal der jährliche Release einer neuen grossen Versionsnummer die Hauptschuld, sondern dass derzeit viele Änderungen im System selber in sehr, sehr kurzer Zeit vorgenommen werden und Apple wird in Zukunft noch deutlich mehr Features integrieren, um die Verschmelzung von iOS und Mac OS X deutlicher zu machen. iOS 8 fühlte sich zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung unfertig an und ist erst mit der Veröffentlichung von iOS 8.1 mit Pflastern an den richtigen Stellen verarztet worden, doch sind immer noch einige Schürfwunden sichtbar und bedürfen einiger Pflege. Nicht zuletzt deshalb, da einige Verbände oder Behandlungsmethoden einfach zu früh oder zu hastig angewandt wurden, was nach einem Update mit dem Ausfall des Mobilfunkmoduls endete. Man merkt Apple den Zugzwang an.

 

Das System ist zwar nun offener als jemals zuvor, dadurch aber auch anfälliger. Zu viele drastische Änderungen haben einfach zu viele Baustellen aufgerissen. Einige im Netz verfügbare Studien zeigen einen extremen Anstieg der Absturzrate von Apps für iOS 8. Nun lautet im Umkehrschluss die Frage, was Apple hier tun könnte, um die Probleme zu reduzieren oder um die Entwicklerfirmen nicht weiter zu überfordern. Derzeit scheint es nämlich so zu sein, dass einige Apps, welche auf die neuen Funktionen zugreifen und gerne mal abstürzen, in einer Art von Testcenter feststecken. Die noch vor gut zwei Jahren gewohnt hohe Qualität gibt es zwar noch im „Look“ zu sehen, doch leider nicht mehr all zu häufig im „Feel“, was zu einer kontroversen Vermischung der Bezeichnung „Look and Feel“ führt. 

 

Im kommenden Sommer werden wir schon mit iOS 9 konfrontiert und wenn man Tim Cooks Worten glauben schenken sollte, so können wir nach dem „We’re not done yet!“ noch einige Veränderungen und Features erwarten. Natürlich will man weiter wachsen und das System für die Kundschaft erweitern. Doch finde ich, sollte irgendwann etwas weniger auch deutlich mehr sein. Ich persönlich hätte daher absolut kein Problem damit, wenn iOS 9 eher ein iOS 8.5 wird, einfach, um alle Unstimmigkeiten zu beseitigen und der entwickelnden Zunft die Chance zu geben, sich generell an die Hunderte von neuen APIs und Möglichkeiten zu gewöhnen. Dies würde das System nicht nur stabiler werden lassen, sondern unter Umständen auch sicherer.

Zum Abschluss noch eine Bitte: Apple? Code it right please!

Einige werden wohl auch sagen, dass man nicht nur Apple den Schuh anziehen könne. Man könnte an anderer Stelle auch die Coder der Apps dafür verantwortlich machen, dass diese sich nicht mehr genug Mühe geben. Und da im App Store die Rezensionen unter den Apps, sofern diese nicht innerhalb weniger Tage an neue Verhältnisse angepasst werden, gleich vom Spitzenreiter zum Anwärter auf den freien Fall mutieren, stehen Developer immer extremer unter Druck. Dennoch ist Apple auch hauptverantwortlich: Schliesslich stürzen selbst die eigenen Apps gerne einmal ab, egal ob Safari, Pages, oder der E-Mail-Client. Die Macherinnen und Macher von Drittanbieter-Applikationen spüren die Auswirkungen selber erst, wenn ihre Apps den Dauereinsätzen auf den Smartphones ausgesetzt sind.

 

Daher an dieser Stelle eine grosse Bitte: Es muss einfach wieder funktionieren. So funktionieren wie früher. Die Stellschrauben vielleicht wieder mehr in Richtung iOS 6 drehen, nicht vom Look her, sondern vom Feeling her in Richtung Qualität. Somit bleibt der Tenor gleich, wie er schon weiter oben erwähnt wurde: Ein iOS 9, welches vom Feature-Umfang her eher wie ein iOS 8.5 wirkt, aber dafür im Kern deutlich stabiler werden würde, wäre eine mehr als nur willkommene Abwechslung. Ein iOS 9, welches viele neue Funktionen besitzt und dennoch stabil ist, wäre auch nett, aber das erhöht nur wieder den Spiel-Einsatz, welcher mit iOS 8 gesetzt wurde und den man am Ende auch verloren hat.

 

Diese Kolumne gibt die Meinung eines einzelnen Redakteurs wieder. Diese muss nicht mit der von PocketPC.ch übereinstimmen.

vg-wort
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3 Antworten zu “One’s Two Cents: „Apple? You’re coding it wrong!“”

  1. happyone sagt:

    Meine Rede. Bin zu 100% gleicher Meinung. Ich bin leider andere Qualität gewohnt. Hab hier noch ein iDevice mit iOS 4 rumfliegen und muss leider gestehen, dass die Menüführung wesentlich angenehmer und intuitiver ist. Auch was die Geschwindigkeit angeht, muss sich iOS 4 nicht verstecken. Mein iPhone 6 ist nur beim Seitenaufbau schneller, was auf den Prozessor zurückzuführen ist. Leider hängt sich das alte iPhone ständig auf, was ich aber auf das Alter schiebe 😉
    Ps: Bitte aus „…öfters…“ „öfter“ machen 😉

  2. lena97 sagt:

    Naja man könnte auch sagen willkommen in der Welt der anderen.
    Ich bin ein Apple Neuling und muss schon sagen speziell der Punkt mit den Einstellmöglichkeiten im System ist teilweise echt undurchsichtig.
    Gibt da echt Punkte wo ich nichts mit anfangen kann und erst einmal im net suchen muss wozu das gut sein soll.
    Liegt vielleicht auch daran das ich drei Jahre WP benutzt habe.
    Natürlich steht Apple da unter Druck, gerade auf Hinblick der UI Vereinigungen auch bei MS.
    Ich danke darin liegt auch die große Herausforderung für alle, denn auf Dauer wird es ja einfacher mit den Universal Apps.
    Nur müssen eben die System darauf abgestimmt sein.

  3. Stiggu sagt:

    Ein Problem mit welchem Android schon länger zu kämpfen hatte. Jedoch glaube ich Android ist da weiter voraus. Sie hatten viel länger Zeit das System mit allen Möglichkeiten stabil zu entwickeln. Mittlerweile ist Android ein stabiles Betriebssystem geworden. Apple fängt da erst bei nicht Null aber steht noch ganz am Anfang. Somit wird das wahrscheinlich noch bis iOS 12 dauern bis die wieder ein stabiles iOS haben.

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