Sa. 18. April 2015 um 12:08

Blackys Gedanken: Zerstören Hersteller ihren Tablet-Markt?

von Marc Hoffmann1 Kommentare

Marktanalysen von professionellen Analysten werden seit Jahrzehnten zu Rate gezogen, wenn es darum geht, Tendenzen zu finden, in welche Richtung sich die Märkte verschiedener Produktkategorien entwickeln würden, wenn man vom jeweils aktuellen Stand ausgeht. Dabei werden immer wieder ziemlich waghalsige und lächerlich weit in die Zukunft schauende Prognosen veröffentlicht, welche entweder sehr unglaubwürdig sind oder vergangene Prognosen über den Haufen werfen.

 

Eine meiner liebsten Arten von Prognosen dreht sich dabei darum, dass eine bestimmte Kategorie von technischen Geräten eine andere ablöst und deren Markt schrumpfen lässt. Vor vier Jahren hat der Tablet-Markt angeblich den noch jungen Netbook-Markt auf einen Schlag um 40 Prozent einbrechen lassen. Vor etwa zwei Jahren kamen namhafte Analysten von IDC zum Schluss, dass der massiv sinkende Absatz an PCs und Laptops ebenfalls den Tablets zuzuschreiben sei. Gegen Ende des letzten Jahres wiederum stellte man fest, dass nun auch der Tablet-Markt langsam aber sicher einen Einbruch zu verbuchen habe. Besonders Apple wird hier mit einem starken Rückgang der iPad-Verkäufe als Beispiel genannt. Nun sagen genau dieselben Analysten laut einiger Nachrichtenquellen, dass der Tablet-Markt wiederum von Smartphones mit grossen Displays zum Teil geschluckt wird und dass Tablets damit obsolet werden würden. Ich sage allerdings: Ziemlich viel Unfug, in dem nur ein Funken Wahrheit steckt.

Hat das Smartphone bereits den PC ersetzt?

Ich denke mal, dass wir bei dieser Frage ein klares Nein als Antwort setzen können. Ausgehend von diversen Nachrichten der vergangenen Jahre und unglaublich kostspieliger Analysen sogenannter Experten müsste dies aber der Fall sein, wenn eine neue Geräteklasse in der Nahrungskette die vorherige ausgerottet haben soll. Aber schaut euch doch mal um: Wir haben noch immer PCs, Komponenten-Hersteller mit Milliarden-Umsätzen, es werden weiter Laptops gekauft, aber auch Tablets und Smartphones. Meiner Ansicht nach gibt es für fast jeden dieser gravierenden Markteinbrüche nur eine wirklich ausschlaggebende Erklärung: Marktsättigung.

 

Aber zuerst möchte ich noch einmal klarstellen, um was es bei den Marktanteilen und Absatzzahlen geht: Diese geben lediglich an, wie viele Geräte der jeweiligen Klasse als Neuware verkauft wurden und dem wird nicht gegenüber gestellt, wie viele im Umlauf sind und wie viele entsorgt wurden. Nun wollen wir uns mal einen groben Überblick über die Entwicklung von Tablets, Notebooks und Smartphones der letzten Jahre machen und daraus versuchen wir zu schlussfolgern, warum diese Sättigung ausgerechnet jetzt eintritt.

 

Am besten erkennt man das anhand des Marktes mit Windows-PCs ab der Jahrtausend-Wende. Damals kam das frisch gebackene Windows XP auf den Markt und löste Windows 2000 und Windows ME als neuestes PC-Betriebssystem ab. Damit wurde aber auch der Hardwarehunger massiv gesteigert und die Systemanforderungen für das Betriebssystem stiegen um den Faktor vier. Dies war auch die Zeit, in der die Hardware-Entwicklung eine Superlative nach der anderen lieferte. Die ersten Prozessoren mit 1 GHz Rechentakt, DDR RAM, die ersten 64-Bit-Prozessoren und mit Windows Vista ein weiteres neues Betriebssystem, welches die Mindestanforderungen im Jahre 2006 wieder auf das vierfache ansteigen liess. In den nächsten Jahren folgten dann Prozessoren mit vier Kernen, wieder neuer RAM und 2009 vor allem auch leistungshungrigere Software und schliesslich Windows 7. Und hier kam nun der grosse Schnitt. Es wurde kaum noch eine Leistungssteigerung benötigt, sondern es wurde mehr an der verwendeten Software gefeilt. Bei Laptops dauerte diese Entwicklung noch einmal ein paar Jahre länger, doch auch hier geht es nur noch selten darum, mehr Leistung zu bekommen, sondern kleinere und ausdauerndere Geräte anzubieten.

 

Diese Entwicklung kann man nun eins zu eins auch auf Smartphones und Tablets übertragen. Während die ersten Smartphones mit Android und iOS nach Updates und durch umfangreichere Apps immer wieder ausgebremst wurden, war ständig modernere, schnellere und sparsamere Hardware notwendig. Mit jeder Gerätegeneration war der „Wow-Effekt“ wieder da, wenn das neue Smartphone oder Tablet plötzlich viel schneller und flüssiger lief als das vorherige Modell. Aber gab es nicht auch hier inzwischen diesen Schnitt? Vor zwei Jahren kamen die ersten Quadcore-SoCs für Smartphones und Tablets auf den Markt und erreichten einen neuen Höhepunkt bei der Rechenleistung, gepaart mit 2 GB RAM und schnellen Grafikprozessoren. Doch ebenfalls vor zwei Jahren begann man, Android zu optimieren, um auf langsamerer Hardware besser zu laufen, vor allem seit iOS 6 und Windows Phone werden auch weitere mobile Betriebssysteme mehr auf optimale Performance getrimmt und Windows 8 wird ebenfalls sparsamer und schneller. Und so langsam versteht ihr sicher, worauf ich hinaus will.

Gute Software zerstört den Hardware-Markt

Ich selbst sehe mich als einen Mischling aus Technik-Freak und ökonomischem Normal-Nutzer. Wenn ich mir neue Hardware zulege, dann darf die ruhig ein kleines Sümmchen mehr kosten, wird aber dann so lange verwendet und nicht erneuert, wie es nicht notwendig ist. Notwendigkeit kann dabei durch Defekt, aber auch Performance Mangel entstehen. Genau das sorgt auch dafür, dass ich noch heute ein Notebook im Einsatz habe, welches Ende 2007 auf den Markt kam, einen Core 2 Duo Prozessor und 4 GB RAM verbaut hat und mit dem zweiten Display und der zweiten Grafikkarte tadellos seinen Dienst verrichtet. Das gleiche gilt für meinen Desktop-PC mit Hardware von 2008. Die Anforderungen der Software sind nicht gestiegen, sondern eher gesunken, ich habe auf den Geräten inzwischen fünf Generationen von Windows im Einsatz gehabt und habe keinen echten Bedarf einer Neuanschaffung, solange die Geräte noch laufen.

 

Nun werden die ersten von euch sicher denken: „Was haben seine Steinzeit-PCs jetzt mit Tablets und Smartphones zu tun?“ Hier gilt ganz einfach dasselbe Prinzip. Smartphones seit dem Galaxy S4, HTC One (M7) oder Xperia Z, welche 2013 auf den Markt kamen, hatten zu ihrer Zeit einen so gewaltigen Überschuss an Leistungsreserven, dass diese heute und sogar in weiteren zwei Jahren zuverlässig und performant genug ihren Dienst verrichten könnten. Genau das gleiche gilt für Android-, iOS- und auch Windows-Tablets. Bleibt also die Frage, wieso Smartphones weiterhin verkauft werden, als gäbe es kein Morgen mehr, aber der Tablet-Markt stagniert. Meiner Meinung nach gibt es hier zwei ausschlaggebende Gründe, die sich bei den Geräteklassen unterscheiden: Verträge und Verschleiss.

Alte Tablets und kostenlose Smartphones

Halten wir uns mal vor Augen, wie ein Tablet genutzt wird: Ab und an mal ein Spiel spielen, auf dem heimischen Sofa ein wenig im Word Wide Web surfen, das ein oder andere Skype-Telefonat und nimmt man es mal mit nach draussen, steckt es in einer Handtasche oder einem Aktenkoffer. Der Akku hält oft mehrere Tage oder eine ganze Woche, bevor er geladen werden muss und dennoch ist es allzeit bereit. Dem gegenüber steht nun das Smartphone. Jeden Tag im Dauereinsatz zum Telefonieren, Surfen, Nachrichten schreiben, immer und überall mit dabei in der Hosentasche, zusammen mit diversen anderen Gegenständen und einer ordentlichen Ladung Staub, damit es immer gut geschliffen wird. Die Tablet-Besitzerinnen und Besitzer unter euch schauen sich nun mal ihr Gerät an, bedenken das Alter und vergleichen das mit ihrem Smartphone. Die meisten dürften dann erkennen, was ich meine. Zudem muss das Smartphone ohnehin jeden zweiten Tag ans Netz, meist sogar noch öfter.

 

Zudem werden Smartphones in den meisten Fällen ohnehin per Provider-Vertrag erworben. Alle zwei Jahre ein neues Top-Smartphone, ohne direkt ein oder zwei Monats-Mieten investieren zu müssen, ist doch einfach zu verlockend, selbst wenn das alte Gerät noch zuverlässig seinen Dienst verrichtet. Doch bei Tablets sieht das wieder ganz anders aus. Diese werden in den meisten Fällen beim Elektronik-Fachmarkt um die Ecke oder online gekauft, in jeder Preisklasse von 100 oder 1’000 Euro. Und will man diese dann wirklich ersetzen, wenn es keinen Grund dafür gibt? Die Akkus in Tablets können technisch gesehen fünf Jahre und länger halten, Hardware-Anforderungen steigen nicht und solange sie ihren Dienst erfüllen, gibt es dafür ja keinen Grund. Noch gravierender wird es, wenn es um den Software-Support geht. Zumindest Android-Tablets haben hier eine recht kurze Halbwertszeit, da Software-Upgrades selten länger als zwei Jahre angeboten werden. Apple dagegen liefert diese selbst für drei Jahre alte Geräte noch aus und den Extremfall markiert hier Microsoft, da Tablets mit x86-Architektur theoretisch für 10 Jahre und mehr mit Updates auf das neueste Betriebssystem versorgt werden könnten.

Hersteller schneiden sich ins eigene Fleisch

Also wozu führt das Ganze? Dass sich die Hersteller hier einfach selbst ein Bein stellen. Für uns als Kunden kann das ganze natürlich nur positiv sein. Weniger Ausgaben, weniger Frust und weniger Elektroschrott in der Schublade. Sicher hat die Tatsache, dass die verschiedenen Gerätekategorien teilweise Funktionen der anderen übernommen haben, einen kleinen Einfluss darauf, dass sich Marktverhältnisse ändern. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass gerade bei Tablet-PCs, Notebooks und Desktop-Rechnern die Stagnation zum Grossteil auf die vielen oben genannten Gründe zurückzuführen ist, egal was manche Experten so alles behaupten. Ich bin allerdings sehr gespannt darauf, wie die Hersteller, welche sich hier ziemlich sicher etwas verkalkuliert haben, mit dieser Situation umgehen werden. Profitieren könnten hier aber vor allem Low-Budget-Produzenten aus dem fernen Osten. Gerade deren Produkte, welche bekanntlich mit weniger hochwertigen Komponenten produziert werden, haben bekanntlich eine geringere Lebenserwartung und könnten schneller ersetzt werden, locken aber dann durch die günstigen Preise wieder Käuferinnen und Käufer an.

 

Interessant wird auch, zu beobachten, wie sich die Update-Strategie von Microsoft auf den Tablet-Markt auswirken wird. Wenn alle Geräte mit Windows 8.x kostenlos auf Windows 10 aktualisiert werden können und auch weiter Updates auf Lebenszeit erhalten, wird dies nicht gerade dazu beitragen, die Absatzzahlen für Tablets zu steigern, sondern bestenfalls für eine Umschichtung der Marktanteile sorgen. Es wird also spannend, in den nächsten Jahren zu beobachten, welche Gründe sich die Unternehmen ausdenken, um die Kundschaft zu einem Neukauf zu bewegen.

 

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Dieser Bericht gibt die einzelne Meinung eines Redakteurs wieder und muss nicht mit der vom Team von PocketPC.ch übereinstimmen.

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Eine Antwort zu “Blackys Gedanken: Zerstören Hersteller ihren Tablet-Markt?”

  1. Entrail sagt:

    Ich kenne mittlerweile mehrere Nutzer, die quasi keinen PC mehr nutzen. Ich selbst konnte mir das nicht vorstellen, muss aber eingestehen wenn man es wollte, ginge es mit einem Smartphone/Tablet auch. Daher kann ich mir das schon vorstellen 😉

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