Mo. 28. Juli 2014 um 15:46

Alkings Gedanken: Microsoft im Umbruch

von Alexander Spindler5 Kommentare

Die zwei grossen Fehler des Steve Ballmer

Wir müssen mit einem kleinen Rückblick anfangen, um einen Blick in die Zukunft sowie auch eine Bestandsaufnahme vornehmen zu können.

Steve Ballmer war satte 14 Jahre CEO von Microsoft und hat dieses Unternehmen erheblich geprägt. Natürlich muss er sich sowohl an den Erfolgen, als auch an den Misserfolgen messen lassen und wenn man Mr. B. ein Abschlusszeugnis erstellen wollte, so würden dort einige Fehlentscheidungen enthalten sein.

Zum einen blicke ich auf Windows Vista. Mit dieser Betriebssystemversion hat sich Microsoft wirklich den Ruf ruiniert. Das OS war an allen Ecken und Kanten unausgereift und nicht für einen finalen Release bereit, als man es 2007 veröffentlichte. Eine grossangelegte Beta Phase für Windows 7 sozusagen. Das Image von Microsoft, welches ja bei der Allgemeinheit noch nie ein Gutes war, wurde erheblich beschädigt. Während Windows XP auf breite Zustimmung stiess, weil es schlichtweg gut funktionierte und bis heute noch auf zahlreichen Rechnern in der Welt installiert ist, leitete Windows Vista eher eine Abschreckungskur ein, als die Leute weiterhin vom Betriebssystem mit dem Fenster zu überzeugen.

Zum anderen blicke ich auf das verpasste mobile Geschäft aus der Sicht von Microsoft. Jeder erinnert sich an das Interview, in dem Steve Ballmer über das iPhone lachte und sich sogar über das Gerät lustig machte. Ein Smartphone ohne physische Tastatur? In seinen Augen ein grosser Witz (Das Interview im Video). Wer im Jahr 2014 lacht, weiss mittlerweile jeder selbst. Nur soviel, es sind nicht die Jungs und Mädels in Redmond. Wie man als grosses Unternehmen, mit einer eigenen Forschungsabteilung, die in Form von Microsoft Research seit 1991 existiert, den mobilen Zug dermassen verpassen konnte, ist allen Experten bis heute unerklärlich. Sind wir ehrlich, mit Windows Phone 7 war man eigentlich schon viel zu spät dran und man spürt die Folgen dieser Verspätung bis heute.
Gibt es also zwei erhebliche Fehlentscheidungen des Steve Ballmers, so habe ich sie kurz umrissen. Mit Vista hat man ordentlich daneben gelegen und auch den Smartphone Zug hat man nicht erwischt, als man ihn hätte erwischen sollen. Aber war wirklich alles schlecht?

„Mobile first, cloud first“ und „One Windows“

Satya Nadella ist der neue Mann an der Spitze von Microsoft und das erste in der Überschrift verwendete Zitat stammt von ihm. Es versprüht ein frisches „Wir gehen mit der Zeit“ und ist inhaltlich doch ein so richtiger wie auch wichtiger Leitsatz für das Redmonder Unternehmen. Freilich war es wichtig, sowohl den Umbruch „one Microsoft“, als auch die weitere strategische Neuausrichtung mit einem neuen CEO zu verbinden.

Dazu kommt die nächste, ganz frische und neue Nachricht der letzten Tage – alle Windows Versionen werden zu einem OS zusammengelegt. Momentan gibt es ganze drei Fassungen: Windows Phone 8, Windows RT und Windows 8, dazu noch das Xbox-System. Alle basieren auf dem gleichen Kernel, aber sind doch unterschiedliche Erlebnisse und teilweise gibt es Unterschiede in grundlegenden Funktionalitäten sowie in der Nutzeroberfläche. Dies soll bald der Vergangenheit angehören, denn neben der zuvor genannten grundsätzlichen Ausrichtung von Microsoft wird auch Windows den aktuellen Gegebenheiten angepasst.

EIN Windows soll es geben, was EIN Nutzererlebnis auf unterschiedlichsten Geräten zur Folge hat. Dies hat weitreichende Folgen, nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer hinsichtlich der Apps und Einstellungen, sondern auch für die Developer, die nun komfortabler für die Plattform Windows entwickeln sollen. Ein einheitliches User Interface, eine gemeinsame Entwicklerumgebung und einheitliche Services sollen die Schritte sein, die Windows in die Zukunft führen.

 

[…] Wir erinnern uns an das vergangene Jahr, in dem Steve Ballmer seine Strategie „One Microsoft“ erläuterte und entscheidende innerbetriebliche Schritte direkt einleitete. […]

 

Ist das aber auch wirklich die Idee von Satya Nadella? Sowohl ein einheitliches Betriebssystem, als auch die Ausrichtung zum mobilen Markt und dem Cloud Geschäft ist eigentlich nichts Neues. Wir erinnern uns an das vergangene Jahr, in dem Steve Ballmer seine Strategie „One Microsoft“ erläuterte und entscheidende innerbetriebliche Schritte direkt einleitete. Bereits im Juli 2013 setzte Ballmer die neue Ausrichtung um und gründete eine eigene Abteilung namens „Operating Systems Engineering Group“ unter der Leitung von Terry Myerson. Somit sorgte bereits der Vorgänger von Mr. Nadella dafür, die eigens kreierte Undurchschaubarkeit der eigenen Produkte aufzuräumen und die entsprechenden Schritte hierfür einzuleiten.

 

Der Umbruch – Was bereits passiert ist

Die mobile Ausrichtung leitete ebenfalls Ballmer ein, der am 3.9.2013 die Übernahme von Nokias Handygeschäft ankündigte. Zwar rief erst Satya Nadelle mit „mobile first“ die neue strategische Ausrichtung explizit aus, aber bereits sein Vorgänger fädelte diese Neuausrichtung ein. Auch hier wird verkannt, dass Ballmer richtige und wichtige Entscheidungen am Ende seiner Amtszeit traf, die Nadella nun weiter in die richtige Richtung lenken muss.
Ist denn Nadellas Ausrichtung mit „mobile first, cloud first“ ein Gegenstück zu Ballmers Strategie, mit Microsoft „services and devices“ anbieten zu wollen?

 

Manche sehen das so, ich würde dem widersprechen. Natürlich ist es hart zu sehen, dass Nadella den Rotstift ansetzen muss und aufgrund der Übernahme von Nokias Handysparte zahlreiche Menschen ihre Jobs verlieren. Dies ist aber bei jeder Betriebsübernahme so, da in unterschiedlichen Abteilungen Schnittmengen und ungewollte Doppelbesetzungen nicht für Effizienz stehen, sondern eher zum Gegenteil führen. Die Folge daraus sind nun mal Kündigungen, da führt kein Weg dran vorbei.
Aber ist dies wirklich ein Zeichen dafür, dass Nadella einer Nokia Übernahme nie zugestimmt hätte? Ich denke nein, denn um das Thema „Mobile first“ konsequent und gescheit umzusetzen, muss man eigene Produkte liefern. Siehe Surface Pro 3, was ein hervorragendes Device und enorm wichtig für die Windows Plattform ist.

 

Es ist also kein Widerspruch. Beide Leitsätze gehen Hand in Hand. Und mit Services bietet man bei Microsoft zahlreiche Lösungen an, wie eben die von Nadella als so wichtig erachtete Cloud. Auch hier wieder etwas, was nicht erst unter ihm eingeführt wurde, sondern ein neu nach aussen hin kommunizierter Schwerpunkt bereits existierender Microsoft Produkte ist. OneDrive ist ein hervorragender Cloud Dienst und auch die Azure Dienste sind ein mittlerweile wichtiges Standbein von Microsoft. Alles Dinge, die bereits seit Jahren entwickelt und angeboten werden, eben unter der Regie von Ballmer.

 

[…] Vielmehr schaffte es Steve Ballmer in seinem letzten Jahr die beste Arbeit seiner 14 jährigen Herrschaft über Microsoft abzuliefern und leitete die entscheidenden Schritte ein. […]

 

Am Ende bleibt also die Frage, ob man wirklich von einem Umbruch reden kann. Gibt es den denn? Wo wir doch gerade herausgearbeitet haben, dass bereits einige Entscheidungen von Ballmer vor mehr als einem Jahr in die Wege geleitet wurden?

 

Die Antwort lautet: Ja. Microsoft ist im Umbruch, nur wurde dieser Umbruch nicht ausschliesslich durch Satya Nadella initiiert. Vielmehr schaffte es Steve Ballmer, in seinem letzten Jahr die beste Arbeit seiner 14-jährigen Herrschaft über Microsoft abzuliefern und leitete die entscheidenden Schritte ein.

 

Dennoch ist Satya Nadella als neuer CEO enorm wichtig für Microsoft. Das, was Ballmer letztes Jahr einleitete, muss in aller Konsequenz fortgesetzt werden und das geht mit einem neuen Mann an der Spitze eines Unternehmens besonders gut. Das klare Bekenntnis, sich auf die bestehenden Standbeine „Windows – Office – Cloud – Windows Phone – Xbox“ zu stützen, zeigt aber auch, dass der Umbruch in bestehenden Strukturen stattfindet. Wollten wir also Steve Ballmer ein Abschlusszeugnis erstellen, so würden doch auch einige sehr positive Dinge zu vermerken sein.

 

Diese Kolumne gibt die Meinung eines einzelnen Redakteurs wieder. Diese muss nicht mit der von PocketPC.ch übereinstimmen.

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5 Antworten zu “Alkings Gedanken: Microsoft im Umbruch”

  1. Mayster sagt:

    Endlich mal jemand der auch die positiven Aspekte beleuchtet!

    Danke Alex.

    Das viele Dinge zu spät gemacht wurden (WP) und eine Dinge einfach schlecht gemacht wurden (Vista) lässt sich aber nicht leugnen. Interessant wäre nur wie viele solcher „Böcke“ ein so großes Unternehmen wie MS schießen kann bis mal ende im Karton ist. Hoffe das werden wir nie erfahren 😛

  2. Marc Hoffmann sagt:

    Also wenn man Von Nokia ausgeht waren es 3…

    – Klammern an Symbian
    – Verweigern von Android
    – Einsetzen von Elop als CEO, der sie von einem noch unreifen OS abhängig machte.

    Und denen hat das ordentlich zugesetzt wenn man sie heute sieht und sie sind nur knapp am totalen Bankrott vorbei geschrammt.

  3. TheDroggBagg sagt:

    Ich bin gespannt und gleichermaßen optimistisch, was den Umbruch betrifft. Nur hoff ich, dass nicht zu viel über die Cloud gemacht wird. Ich bin zwar normalerweise ein befürworter von Clouds, da ich es super finde, dass man überall auf seine Daten zugriff hat, auch falls mal das Gerät verloren geht und ich lass auch meine Fotos immer auf OneDrive hochladen.

    Aber was nützen all die Cloud-Dienste und die permantente Verfügbarkeit im Internet wenn man auf dem Land wohnt und dort ne Bambus Leitung hat. Deshalb find ich es prinzipiell gut, dass vieles jetzt übers Internet gemacht wird. Aber für mich persönlich hat das halt leider eher Nachteile als Vorteile.

  4. Marc Hoffmann sagt:

    Es gibt ja 2 Arten von Cloud Anbindung. Das was NUR über die Cloud geht (wie es Google gern macht bei ChromeOS oder seinen Diensten, sodass einiges ohne Internet gar nicht abrufbar ist und alternativ die Cloud Synchronisation.

    Ich bin auch ein Fan der Cloud aber natürlich nur wenn es um Synchronisation geht. Apple hat da zugegeben den Dreh am besten raus, da nahezu ALLES über die Cloud geht und man als Nutzer gar nichts davon merkt… MS ist aber auch auf dem besten Weg, wobei hier meiner Meinung nach noch etwas zu viel manuell geregelt werden muss, oder es einfach noch zu unsortiert bleibt.

    Die Auto Upload Funktion sollte beispielsweise im OneDrive besser abgetrennt sein und nicht einfach einen von vielen Unterordnern bei „Bilder“ darstellen. Vor allem, da man die vorgegebene Ordnerstruktur dann nicht umbenennen kann. Auch die OneNote Notizbücher stören mich, dass die als Ordner und OneNote Files einfach in Dokumente geparkt sind. Auch hier wäre ich dafür, das etwas vom OneDrive Sync Ordner abzukapseln.

    Meiner Meinung nach sollten sämtliche fest vorgeschriebenen Sync Sachen (Foto Backup, OneNote, Mail Anhänge/Freigaben Office Dokumente, die ich direkt aus Office in der Cloud speichere und bearbeite etc.) eigene Sektionen bekommen und der OneDrive Sync ordner zu 100% nur von MIR manuell abgelegte Dokumente und Dateien beinhalten.

    Speichere ich zum Beispiel an einem PC per Explorer Office Dokumente in OneDrive, sollte es mich dann fragen, ob die in meine Office Dokumente übertragen werden oder als eigenständige Dateien in meinem persönlichen Ordner verbleiben sollen.

  5. Frostbeule sagt:

    Ich weiß nicht was diese Lobhudelei auf Ballmer immer soll. Der Typ ist schlichtweg der schlechteste Manager in der Branche. Ich konnte damals schon nicht verstehen wie man einen Mann ohne Visionen und dem Gefühl dafür an so eine Position setzen kann. Nicht falsch verstehen, technisch hat er es wahrscheinlich sogar halbwegs drauf, als Richtungsgeber eines Unternehmens ist der aber die absolute Fehlbesetzung und Katastrophe gewesen. Klar hat er in den letzten 3 Jahren seiner Amtszeit Entscheidungen getroffen die langsam in die Richtung gingen was der Markt will, aber auch nur, weil selbst ein Dreijähriger erkennt hat, dass der Mobilsektor sehr wichtig ist. Selbst dann wurden weiterhin Fehlentscheidungen getroffen. WP7 ist eine davon. Hätten Sie lieber WM mit so einer Art SPB MS noch 3 Jahre laufen lassen (der Marktanteil war eh lächerlich und blieb es ja mit dem unfertigen WP7 auch)., in der Zeit hätte man mit ganz viel Power WP8 entwickeln können (zweite Fehlentscheidung alles sehr langsam anzugehen). Dann hätte man vor 1 1/2 Jahren die Bombe platzen lassen und mit einem TOP Smartphone OS an den Markt gehen können. Man hätte die restlichen WM Kunden nicht mit einem unbrauchbaren WP7 und einem nicht updatebaren WP8 verärgert und der Shitstorm im Netz wäre erspart geblieben.
    Jetzt auch noch Beifall für Ballmers Entscheidungen zu zollen ist meiner Meinung nach ein Witz.

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