Do. 08. September 2016 um 17:48

One’s Two Cents: „Habt ihr das gesehen?! Verdammt, so macht man das!“

von Marcel Laser8 Kommentare

Na? Habt ihr euch von meiner „Clickbait“-Überschrift und dem Teaser ködern lassen? Habt ihr direkt zu den Kommentaren runtergescrollt und kommentiert ohne zu lesen? Nein? Dann bin ich ja beruhigt, denn Clickbait funktioniert eigentlich noch eine ganze Nummer anders und schlimmer 😉 Denn ehrlich gesagt meine ich das auch völlig ernst. Es geht aber auch nicht um das iPhone 7 an sich, sondern wie Apple seine iPhone-Geräte präsentiert und welchen Aufwand der Apfel-Riese betreibt, um diese zu vermarkten. Jeder verdammte Hersteller muss sich einfach eine Scheibe davon abschneiden. Apple ist Meilenweit der Konkurrenz enteilt und das liegt nicht daran, dass das neue iPhone 7 ein wahrscheinlich gutes Device sein wird.

Nintendo und Pokémon GO auf der Bühne? Wie geil ist das bitte?!

Fangen wir einmal mit dem Offensichtlichsten an: Ich sass in Berlin zur IFA 2016 in der Pressekonferenz von Huawei und Lenovo. Beide Hersteller haben eine ganz kleine Anekdote zu Pokémon GO gebracht, bekanntermassen der App der Stunde und das seit längerem. Huawei verspricht mit seinem Nova Smartphone bis zu 5 Stunden Monsterjagd mit einem selbsterstellten Bild und einem Cartoon-Monster, dass noch nicht einmal irgendeinem Pokémon ähnlich sah. Das dauerte vielleicht 20 Sekunden und wirkte sehr aufgesetzt. Dann wurde ein Schweizer Topmodell auf die Bühne geholt, um fast 45 Minuten über das perfekte Selfie zu philosophieren.
Lenovo ging es ähnlich, auch dort wurde nur einmal kurz angesprochen, dass man auch Pokémon GO damit spielen kann und der Akku länger hält. Das Raunen unter den Journalist_innen in den jeweiligen Sälen war schon bezeichnend für diesen erzwungen Marketing-Clou.

 

Was macht Apple? Die holen Niantic auf die Bühne. Die machen was? Ja, Niantic kündigt offiziell, auf der Bühne während Apples Keynote, eine Pokémon GO App für die Apple Watch an?! Wie geil ist das denn bitte? Eine App, die bereits seit Ingress-Zeiten von ambitionierten AR-Spieler_innen gewünscht wird. Wer will denn bitte noch diese seltsamen Pokéball-ähnlichen Sensoren kaufen, wenn man auf der Apple Watch, die so viel mehr kann, einfach Pokémon GO drauf installieren kann? Ok, ok… vielleicht liegt das auch am Preis der Apple Watch. Aber mal ganz ehrlich an dieser Stelle: Pokémon GO ist derzeit ein Verkaufsargument und eine Apple Watch App holt genau diesen „Aaaaahhh!“-Effekt.

 

Zweites Beispiel wäre dann Gaming: Smartphones dominieren den Gaming-Markt im Umsatz mittlerweile deutlich vor Konsolen und PC. Das weiss natürlich auch Apple und so lag der Fokus Gaming sehr nahe. Das sonst so plattformscheue Spiele-Unternehmen Nintendo – halt warte… Nintendo? Ja! Nintendo! – stand in Form des Super Mario Vaters Shigeru Miyamoto – Shigeru Miyamoto?! Ja, man..! – höchst persönlich auf Apples Bühne und kündigt den Knaller Super Mario Run exklusiv für iOS an. Wie wichtig diese Vorstellung für Miyamoto war, hörte man dem sonst so enorm souveränen Mann an seinem nervösen Englisch an, wo er kurzerhand nach ein paar Sätzen auf japanisch weiter erzählte. Shigeru eben.. sympathisch wie eh und je.

 

Und dann fragt wirklich noch einer, warum Apple so erfolgreich ist? Sie wissen einfach, wie es geht, wie man die richtigen Partnerschaften knüpft. Es reicht nicht, nur eine gute Idee zu präsentieren, es muss, wie bei Apple Pay, auch gleich ein Ökosystem mit Partnerunternehmen dazu, in dass sich das Produkt einfügt. Kurz also: Man nehme aktuelle Themen, Marken und Franchises, packe diese auf die Bühne in Form von grossen Namen und am Ende kommt ein „ich will das haben!“-Gefühl auf. Vielleicht nicht bei allen, aber mal ehrlich. Selbst ich musste ja schon fast beim Anblick von Shigeru eine Träne verkneifen. Da war mir das iPhone 7, auf das man ja eben wartete, fast schon egal. Das witzige daran ist aber, dass Super Mario Run mit iOS verbunden ist. Ich selbst habe meine alte Apple Watch aus dem Schrank geholt und um den Arm gelegt, auch wenn sie mit keinem meiner aktuell genutzten Geräte funktioniert (Danke Apple für diese „Plattformunabhängigkeit“) und mir vorgestellt, wie das mit Pokémon GO wohl funktioniert. Ich spiele das Spiel übrigens immer noch recht gerne 😉 Aber genau das ist der springende Punkt!

Super Mario Run Apple Keynote
Shigeru Miyamoto bei Apple auf der Bühne. Vergesst das iPhone 7: Das war das eigentliche Highlight!

Hersteller kümmern sich um andere, nicht um sich selbst!

Ganz seltsam wird es dann, wenn Samsung, Huawei und Co. Apple als Referenz in ihren eigenen Präsentationen anbringen und direkt im Vergleich zeigen, was man alles „mehr“ hat, als die iPhone-Konkurrenz. Da muss man teilweise echt schmunzeln. Vor allem, wenn man selbst aus technischer Erfahrung sofort weiss, dass das gezeigte eigentlich völlig irrelevant ist.

 

Nehmen wir das Huawei Nova noch einmal als Beispiel: Hier wurde angegeben, dass man 5 Stunden Pokémon GO spielen kann und hebt gleichzeitig auf einer anderen Folie hervor, dass man einen deutlich grösseren Akku als das iPhone 6s hat. Nun wisst ihr aber alle bestimmt auch, dass das iPhone 6s mit 1’800 mAh Akku ebenfalls auf rund gut 5 Stunden Akkulaufzeit beim Pokémon GO spielen kommt und daher verpufft dieses Argument bereits im Raum. Auch Samsung zeigt immer wie viel mehr Akku, mehr Display, mehr „bessere Kamera“ man gegenüber Apple hätte. Warum?

 

Apple ist das alles ehrlich gesagt vermutlich ziemlich egal und das merkt man ihnen auf der Bühne auch an. Sie haben nicht einmal die explodierenden Akkus von Samsung während der Keynote erwähnt und das wäre das gefundene Fressen gewesen. Stattdessen holt man Nintendo und Niantic auf die Bühne und redet über die Stärken der eigenen Geräte, ohne die Konkurrenz zu erwähnen. Apple konzentriert sich verdammt noch Mal auf sich und nicht auf andere. Das Konzept geht einfach auf. Apple sagt nicht „wir sind schneller als die anderen“ sondern „es ist das schnellste iPhone aller Zeiten“. Ein kleiner aber in der Endwirkung wohl enorm entscheidender Satz. Genauso die Kamera „Es ist die beste Kamera in einem iPhone“ und nicht „Unsere Selfies sehen besser aus, als die von Samsung!“.

Huawei, echt jetzt?! 20 Sekunden später ging es weit über eine halbe Stunde um Selfies und Beauty-Filter. Zudem verglich man die Smartphones relativ oft mit Apple. Aber warum?

Apple macht es einfach richtig

Was die Sache am Ende abrundet ist allerdings weiterhin die Tatsache, dass Apple Jahr für Jahr zusätzlich auch Taten sprechen lässt. Jedes Jahr bringt Apple mit den aktuellen iPhones gute Geräte auf den Markt, die zur Spitze gehören und mit Samsung, LG, HTC und anderen Topmodellen konkurrieren und sich messen lassen können.

 

Somit haben wir tatsächlich wirklich gute Smartphones vorliegen, welche zudem noch perfekt vermarktet werden, während andere Hersteller gefühlt 45 Minuten über das perfekte Selfie reden oder zeigen wie viel mehr Akku sie im Gegensatz zum iPhone haben. Eine Marketingstrategie, die irgendwie nicht aufzugehen scheint. Dabei haben alle anderen Hersteller doch genauso tolle Smartphones!

 

Apple macht es einfach richtig und es funktioniert. Andere Hersteller sollten sich in Zukunft für ihre Präsentationen eine Menge davon abschneiden, sich vielleicht auch mal auf sich selbst zu konzentrieren und vielleicht Dinge ansprechen, die die Leute interessiert und zwar mit etwas mehr Elan. Für 20 Sekunden auf einem Screenshot zu zeigen, dass man 5 Stunden spielen könne, ist da absolut nicht genug, genauso wenig, wie alle Anwesenden interessiert, wie wir unseren Instagram-Blog mit perfekten Selfies pushen können. Sie müssen worauf es wirklich ankommt und bisher hat es Apple wohl als einziger verstanden. Zumindest hat man irgendwo so das Gefühl.

vg-wort
Das könnte Sie auch interessieren

8 Antworten zu “One’s Two Cents: „Habt ihr das gesehen?! Verdammt, so macht man das!“”

  1. Cofrap sagt:

    Das ist soweit alles richtig, guter Kommentar 😊

    Ein paar Anmerkungen habe ich aber.
    1. Geht mir Pokémon mittlerweile mächtig auf den Sack! ^^😉😋

    2. Die anderen haben halt kein Biotop wie Apple.
    Die haben keine eigenen Appstores, die haben keine Services wie Apple.
    Die haben letztlich nicht die Möglichkeit etwas exklusiv zu präsentieren weil alles im Play Store für alle Androiden ist.

    Und von der Möglichkeit teure eigenentwicklungen zu kreieren für Handys die eine Laufzeit von zwei Jahren haben…. Da hat man sich verabschiedet anstelle die eigenen Geräte so lange wie möglich zu unterstützen.
    Auch da ist Apple weit voraus.
    Die müssen sich mit Apple vergleichen weil sie sonst gar nicht als eigenständige Marken erkannt werden. Das sind alles Androiden. Der Name passt irgendwie ^^

    Aber dennoch sehr guter Artikel 😊👍

  2. Entrail sagt:

    Was ich aber auch merke, das Apple mittlerweile so sehr versucht zu gefallen und für jeden ein Produkt zu bieten. Auch die Software versuchen sie jetzt für jeden zu öffnen, damit alle Apps mehr Freiheiten haben. Versteht mich nicht falsch, ich finde das gar nicht schlecht. Aber ich glaube sie verlieren damit ihren unantastbaren Charme, das sie machen was sie für richtig halten und auch nur das was sie machen gut ist. Das fing an mit den Drittanbieter-Tastaturen und geht jetzt weiter mit Siri etc (und natürlich noch einige andere Sachen).
    Allein das es von der Uhr jetzt eine extra Nike-Edition gibt. Ich weiß nicht, ob Apple das auf lange Sicht gesehen gut tut, denn letztendlich war es unter anderem auch genau das eigenbrödler-Ding was sie so groß gemacht hat. Weil alles aus einer Hand kam (Hardware und Software und Drittanbieter Apps nur sehr begrenzte Rechte hatten). Die Drittanbietertastaturen sind bis heute schlecht implementiert. Ich weiß nicht ob es an Apple liegt oder an den Drittanbieterherstellern der Tastaturen, aber die brauchen teilweise deutlich länger zum öffnen oder gehen gar nicht auf, stürzen teilweise komplett ab, …. Ich vermute, dass es irgendwie an der Schnitstelle liegt, denn Swiftkey z.b. würde die App vermutlich sonst über die Zeit schon gefixt haben. Apple scheint sich aber darum nicht mehr zu kümmern.

  3. Gareas sagt:

    Zu aller erst: Das ist dein bester Kommentar den ich bisher gelesen habe Marcel, er bringt es sowas von auf den Punkt was Apple derzeit aus macht. Danke dafür!

    @Entrail, ich weiß was du meinst aber ich würde eher sagen Apple geht mit der Zeit und das ist auch notwendig. Apple ist an sich immer noch ein geschlossenes System, sie haben sich nur punktuell geöffnet und nur da wo es wirklich Sinn macht. Denn man darf nicht vergessen, Stillstand ist Rückschritt, das gilt auch für Apple und das wissen sie auch.

  4. Entrail sagt:

    Aber wieso schaffen sie es nicht endlich die Tastaturen richtig zu integrieren, oder liegt das an den Drittanbieter?
    Was mir absolut gar nicht gefällt ist der Kopfhörer Anschluss. Sie haben jetzt nur noch ihre eigenen Standards die super teuer in der Lizenzierung sein werden. Ok bt wird es wohl noch h geben aber das ist eben nur noch 2 Wahl. Ich hasse eigene Standards seit das iPhone einfach mal verschiedene Kabel nicht mehr erkennt sogar manchmal das original Kabel kriege ich da richtigen Hass drauf. Wobei ich den lighting Anschluss besser finde als usb c vom physischen her gesehen.

  5. Abarth sagt:

    Leider spreche ich überhaupt nicht auf gutes oder schlechtes Marketinggeschwafel an. Dafür bin ich viel zu analytisch, völlig unverständlich für einen Teil meiner Familie.
    Daher bin ich auch gegen proprietäre Systeme, sei es im Arbeitsumfeld, sei es halt auch bei solchen „Halbfreizeit-halbarbeitsgeräten“ wie Handys, Tablets/PC’s etc.
    Dein Satz „…auch wenn sie mit keinem meiner aktuell genutzten Geräte funktioniert (Danke Apple für diese „Plattformunabhängigkeit“)“ ist für mich zentral.

    Aber ja, Marketing beherrschen sie, und Ideen anderer so umzusetzen dass sie einerseits die breite Masse ansprechen und auch zu gebrauchen sind, darin sind sie gut.
    Wie gesagt, schade dass sie so „geschlossen“ sind. Aber für sie stimmt es, sie haben Erfolg und binden, gerade durch diese Geschlossenheit, die Kunden jahrelang und immer aufs Neue.
    Wer gibt schon 400.- aus für eine Uhr und kauft sich 1 Jahr spatter ein Gerät, mit welchem diese dann nicht mehr funktieniert 😉 …ausser Herr Laser natürlich 😀

  6. Marcel Laser sagt:

    Analytisch ausgesprochen wertvoll, allerdings im letzten Satz leicht an der Wahrheit vorbeigeschrammt 😉 Trotzdem danke für die sehr nüchterne und analytische Zustimmung.

    Generell danke für die lobenden Worte da oben von euch allen ^^ Ein Kommentar ist ja immer ein rein subjektiver Artikel und daher freut es mich, einen Nerv getroffen zu haben 🙂

  7. happyone sagt:

    +1
    Die Vorstellung an sich war mal wieder super, dass stimmt. Leider hat mich das Gerät selbst nicht vom Hocker gerissen.

  8. Strolch sagt:

    Bester Kommentar seit es Apple gibt, und Microsoft noch gibt.

Schreibe einen Kommentar

Teilen