Do. 27. August 2015 um 11:53

Nachgedacht: Close the gates, please!

von Barbara Walter-Jeanrenaud3 Kommentare

Ende letzten Jahres setzt sich ein Mann auf ein 1000 US-Dollar teures, sensibles Smartphone. Es verbiegt sich: Ein Skandal ist geboren! Ein anderes 800 US-Dollar teures Phablet gerät diese Woche in die Schlagzeilen, weil es aufgrund von falschem Handling kaputtgeht oder nicht vernünftig funktioniert – ach nee. Sofort schreien die Ersten, mal ernst gemeint, mal ironisch, nach einem neuen „Gate“, einem Begriff, der Anfang der 70er Jahre rund um die Watergate-Affäre entstand und spätestens seit Janet Jacksons „Nipplegate“ 2004 komplett sinnentleert zu sein scheint. Aber zurück auf Anfang: Worum geht es hier?

Warum eigentlich „Gate“ und warum ist das doof?

Zum Einen geht es um die Begrifflichkeit. Watergate war ein journalistischer Aufschrei, ein Befreiungsschlag des US-amerikanischen Journalismus, der weltweite Auswirkungen auf die Pressefreiheit hatte. Die Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward deckten zwischen 1972 und 1973 einen dichten Sumpf aus Korruption, Bespitzelung, Wahlbetrug, Spendenaffäre und Justizskandalen im Umfeld der republikanischen Partei der USA auf. Neu daran war, dass im Vorfeld die Politik als ziemlich unantastbar galt und sich kaum jemand traute, diese konkret anzuprangern. Aus der Watergate-Affäre und ihrer Berichterstattung heraus entwickelte sich der amerikanische Stil des investigativen Journalismus und im Endeffekt als Nebenprodukt auch die Skandalhascherei der Boulevardmedien. Soweit der sehr kurze, sicher unvollständige Exkurs.

Falsche Bedienung führt zu Schäden – eigentlich ganz einfach!

Aus dieser Skandalhascherei heraus entsteht nun aber eine Strömung in den Medien, die nichts, aber auch gar nichts, mit Journalismus zu tun hat und einfach nur nervt, insbesondere auch in unserem Technikbereich. Es ist ganz sicher kein Skandal, wenn ein Smartphone kaputt geht. Womit wir beim zweiten Punkt wären: Warum zur Hölle sollte ein Smartphone unkaputtbar sein? Ja, ich gebe ein Heidengeld aus, um mein persönliches Nonplusultra zu erhalten. Aber weshalb passe ich dann nicht darauf auf? Warum ist es eine Meldung wert, wenn ich den S-Pen falsch herum in das Samsung Galaxy Note 5 stecke und es daraufhin zerstöre? Sicher steht irgendwo in der Anleitung, dass ich dies nicht tun sollte – und ohne etwas Gewalt ist es auch gar nicht möglich. Brauchen wir einen voreingestellten Begrüssungstext in unseren Smartphones wie etwa:

„Achtung, wenn Sie das Gerät in die Limmat schmeissen, könnte es kaputt gehen!“

Das hat was von den „Caution, hot Coffee“-Aufdrucken auf Pappbechern.

 

Im Folgenden eine kleine Auswahl der schönsten „Skandale“ um beschädigte oder falsch bediente Smartphones:

 

Gehen wir ein Stück weiter: Was erwarten wir von unseren Smartphones? Ohne jetzt allzu philosophisch zu werden, kann man wohl sagen, dass sie zu unseren wichtigsten Alltagsbegleitern geworden sind. Wir ge-brauchen sie immer und ständig, das ist auch ok so. Aber das heisst noch lange nicht, dass sie aus einem unkaputtbaren Holz geschnitzt sein müssen. In einem Smartphone stecken unglaublich viele, hochsensible technische Komponenten, die sich nicht mit Stössen, Wasser, Gewalteinwirkung, Hitze und Schlüsseln in derselben Tasche vertragen. Es ist also definitiv KEIN Skandal, sondern höchstens Pech, wenn ein solches Gerät nach der Produktion kaputt geht (ausgenommen sind hier ganz klar Produktionsschäden wie Kratzer). Pech, wenn es aus Versehen geschieht, Blödheit, wenn es fahrlässig passiert. Und ja, es ist Blödheit, das Smartphone in der Badi in der Badehosentasche zu vergessen, es ist dumm, sich einen 5.5 Zoll grossen Klopper in die enge Hosentasche zu stecken und dann einige Stunden lang damit im Auto zu sitzen und zwar so, dass die Hose über die Zeit mehrere Kilogramm Spannung auf das Gerät ausübt. Wär ich jetzt alt, so würd ich sagen „früher, ja, früher haben wir unsere 200 Franken teuren Natels noch in Schutzhüllen gesteckt!“. Bin ich aber nicht, aber es wäre ja mal ein Ansatz.

 

Es ist also eine begriffliche und eine inhaltliche Sache, die an diesen „Gates“ so sehr nervt. Daher dieser kleine Appell: Behandelt eure Geräte doch bitte so, dass sie nicht kaputt gehen. Gebt Sorge dazu, damit nicht irgendwelche Blogs, Journalist_innen oder „Expert_innen“ auf die Idee kommen, ein neues „Gate“ zu öffnen. Dann könnten wir alle wohl besser schlafen 😉 

 

Bildquellen: Computerbild, ifixit, C-Net, appsaga,

 

 

Dieser Kommentar der Kolumne „Nachgedacht“ ist eine persönliche Meinungsäusserung einer Redakteurin und muss nicht mit der Meinung von PocketPC.ch übereinstimmen.

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3 Antworten zu “Nachgedacht: Close the gates, please!”

  1. Wolfgang D sagt:

    Eigentlich gut gebrüllt, Löwin. Aber man sollte eher den skandalsuchenden Schreiberlingen und Werbestrategen an den Kragen. Der Begriff der Lügenpresse ist nicht nur wegen Pegida in aller Munde…

    Die Antennenkonstruktion war jedenfalls ein Fail, den Apple seinerzeit vertuschen wollte – deshalb „Gate“. Die mißlungene Stiftkonstruktion beim Galaxy Note erbt eben das griffige Label.

  2. Bunsenbrenner sagt:

    Hahaha Mr D 😀 Ich glaube du hast den Artikel nicht so richtig verstanden 🙂 Bin mir ziemlich sicher, dass Frau Walter etwas völlig anderes gemeint hat xD

  3. terraoutlaw sagt:

    Schöner Artikel

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